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Wissen aus eigener Erfahrung
mit Lebendiger Meditation Buddhistische Meister und westliche Schüler
von Jürgen Fischer
Ende der siebziger Jahre habe ich beim 14. Karmapa Zuflucht genommen. Ich war
überzeugt, den richtigen, den ultimativen Weg für mich gefunden zu haben. Ich habe mich
dann nach intensiver Suche nach einem geeigneten Lehrer zehn Jahre lang als Schüler von
Tenga Rinpoche verstanden, war fünf mal für mehrere Monate bei ihm in Kathmandu, habe
viele seiner Reisen durch Europa mitgemacht, habe Tibetisch gelernt und war überzeugter
Buddhist. Ich habe viele Einweihungen und Gelübde genommen, sehr viele
Unterweisungen bekommen und versucht, den Erwartungen zu entsprechen, die ich in dieser Zeit
aufgebaut habe. Ich habe dann eineinhalb Jahre lang als Koch und als Teil des Organisationsstabes
im größten der deutschen Kagyu-Zentren, dem Kamalashila-Institut in der Eifel, gearbeitet.
Tenga Rinpoche hatte ich als meinen Lehrer gewählt, weil er der einzige der Lamas war,
der meine Erfahrung des inneren Rauschens ernst nahm und in die Praxis der
Buddhistischen Meditation einordnen konnte. Er bezeichnete es als Objekt der
Lhaktong"-Meditation, das Stadium der Achtsamkeit, in dem alle Objekte, die im Geist erscheinen - ob
innerlich projiziert" oder äußerlich real" - als Gegenstand der Meditation betrachtet
werden. Lhaktong" kann man nicht herstellen, es ist ein Siddhi", ein Ergebnis der
Shine"-Meditation, in der man auf ein bestimmtes Objekt meditiert, um Achtsamkeit zu entwickeln.
Ich habe mich 1991 nach 14 Jahren buddhistischer Orientierung bewußt vom
tibetischen Buddhismus abgewendet. Der Hauptgrund lag für mich in unüberwindlichen
kulturellen Barrieren. Kraß ausgedrückt: ich habe mich geweigert, meine Kinder im Sinne der
Belehrungen der Lamas mit Schlägen zu erziehen und ich konnte die gängige Praxis in den
Klöstern, Kinder wörtlich mit der Peitsche zu drillen, nicht billigen.
Meine Kritik, die ich hier äußere, soll kein Angriff gegen den Buddhismus und schon
gar nicht gegen die Buddhisten selber sein. Ich achte es - gerade weil ich selber viele Jahre
an Arbeit in den Buddhismus gesteckt habe - wenn Menschen ernsthaft und ihrem
Gewissen entsprechend religiös sind. Nehmen Sie das, was ich hier beschreibe also als eine Art
solidarischer Kritik, eine Anregung über den Buddhismus und sich selber zu reflektieren.
Vielleicht kommen Sie zu ganz anderen Ergebnissen.
Ich sehe eine geistige Gefahr darin, unvorbereitete westliche Schüler in exotische
Meditationssysteme einzuweisen, wenn wir nicht die geringsten Voraussetzungen mitbringen, eine
stabile Meditation aufrechtzuerhalten. Die Vajrayana-Rezitationen enthalten hunderte
komplexer Visualisierungen, die ein wesentlicher Bestandteil der Praxis sind. Hinter diesen
Visualisierungen stehen wiederum Bedeutungen, die dem Praktizierenden ebenfalls
geläufig sein müssen, damit er überhaupt in der Lage ist, sich auf Inhalte zu beziehen. Hinzu
kommt, daß die Texte auf Tibetisch bzw. Sanskrit rezitiert werden und daß die englischen und
deutschen Übersetzungen zwar eine wörtliche Wiedergabe sind, aber der tatsächliche Sinn
und die tiefe Bedeutung sind in anderen Sprachen nicht vermittelbar. Die tibetischen
Mönche studieren Jahrzehnte, um sich mit diesen mystischen Hintergründen vertraut zu
machen. Erst dann bekommen sie nach Prüfungen die Berechtigung, mit diesen Systemen zu
arbeiten. Westliche Schüler bekommen diese Praktiken ohne Voraussetzungen. Es kommt
sogar vor, daß tibetische Schüler nach Europa kommen, weil hier Einweihungen gegeben
werden, die in Asien nicht zu haben sind.
Ein zentraler Ausgangspunkt aller Meditationen ist die Erkenntnis von Leerheit". Es
wird vorausgesetzt, daß sich der Praktizierende bewußt in einen Ego-freien Zustand versetzen
und in die Leerheit auflösen kann. Aus dieser Leerheit heraus werden die
Visualisierungen von Buddha-Ländern und von sich selber in Buddha-Lichtkörpern aufgebaut. Diese
Voraussetzung, in der Leerheit zu sein, ist auch bei den tibetischen Mönchen nur in
geringem Maße gegeben. Doch wir westlichen Schüler sind weitgehend unfähig, bewußt in
diesen Zustand reiner Leerheit zu gehen, um dann noch darüberhinaus stundenlange
Rezitationen und Visualisierungen im Ego-freien Zustand durchzuführen.
Wenn diese äußerst komplexen Meditationen ohne Kenntnis der Hintergründe und
ohne wirkliche Fähigkeit zur tiefen Meditation durchgeführt werden, wird daraus ein
undurchdringliches Dickicht von Mystifikationen. Übrig bleibt alleine der Glaube, daß das
alles schon irgendwie nützlich" sein wird: wenn der Praktizierende dieses Mantra, jenes
Opfer oder jene Übung einhunderttausendmal oder auch zehn Millionen mal durchgeführt
hat, wird er diesen oder jenen Verdienst" erwerben. Dieser esoterische Kinderglaube
unterscheidet sich nicht im geringsten vom Glauben an einen Gott als einem alten bärtigen
Mann im Himmel und die Opferrituale, die Versprechungen und Gelübde erinnern an den
Ablaßhandel der mittelalterlichen Kirche. Die vielen Einweihungen und Rituale, die von den
hohen tibetischen Lamas im Westen zelebriert werden, haben den materiellen
Hintergrund, zahlende Gäste und potentielle Schüler anzulocken, denn selbst die hohen Lamas
glauben nicht daran, daß wir in der Lage sind, diese Belehrungen in die Praxis umzusetzen.
Einer der höchsten Würdenträger der Kagyu-Schule meinte anläßlich einer
Kalachakra-Einweihung, er wisse, daß kein lebender Mensch in der Lage sei, diese Praxis korrekt
durchzuführen. Dennoch hat er die Einweihung durchgeführt.
Ich war an der Organisation dieser Veranstaltungen über Jahre beteiligt. Wenn Lamas
eingeflogen wurden, dann war es notwendig, attraktive Angebote zu machen. Und je
mystischer, sensationeller und exotischer die Einweihungen, Sandmandala-Rituale und Lama-Tänze
waren, desto mehr zahlende Gäste kamen. Zu reinen Meditations-Belehrungen kamen
nur sehr wenige Schüler und diese Kurse ließen sich - wenn überhaupt - nur über
Massenveranstaltungen finanzieren, die den mystischen Sehnsüchten und den
Konsumbedürfnissen der Mehrheit entsprachen. Den Organisatoren und den Lamas waren diese
Zusammenhänge klar, denn die Lamas wurden unter der Bedingung eingeladen, massenwirksame
Zeremonien durchzuführen. Ohne mystische Einweihungen, ohne Reliquien-Segnungen, ohne
Trommeln und Trompeten gibt es keine westlichen Schüler und kein Geld für die Klöster
in Indien, Nepal und Tibet.
Eine weitere Gefahr sehe ich in der weiten Anwendung von Gelübden, deren geistige
Konsequenzen von den meisten Schülern gar nicht begriffen werden. Es sind Schwüre, die
abgelegt werden, z.B. eine bestimmte Praxis ein Leben lang täglich auszuüben. Jedes
dieser Gelübde ist mit Strafen verbunden, z.B. Wenn ich dieses Gelübde breche, werde ich in
der Vajra-Hölle wiedergeboren". So wird geistige Befreiung - darum soll es im
Buddhismus gehen - mit Angst vor der Bestrafung im nächsten Leben gekoppelt. Das ist eine
Absurdität in sich. Ich hatte wegen meiner Gelübde über Jahre Angstzustände, als ich mich vom
Buddhismus getrennt habe. Die übliche Praxis daß Einweihungen und Gelübde an Laien
weitergegeben werden, wird deshalb auch von manchen hohen tibetischen Lamas strikt abgelehnt.
Der Grund, warum ich überhaupt Buddhist geworden war, war meine Sehnsucht
gewesen, Meditation richtig zu erlernen. Dieser Aspekt der geistigen Schule kam durch
Zeremonien, mystische Praktiken und politische Ränkespiele für meinen Geschmack viel zu kurz.
Als ich mich vom tibetischen Buddhismus trennte, hatte ich gelernt, daß ich den Zustand
der Leerheit nicht erreichen kann, daß ich die Visualisierungen nicht aufrechterhalten
kann, daß ich bei stundenlangen Mantrarezitationen im Geiste überall in meinem Ego war,
nur nicht in der Meditation.
Ich war tatsächlich überzeugt, daß es mir unmöglich ist zu meditieren.
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