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"mens sana in corpore sano"
(Juvenal)
Sowohl als Theologe als auch als Psychologe habe ich mich vorwiegend mit der seelischen
oder psychischen Seite des Menschen beschäftigt. In beiden Wissenschaftsgebieten begegnete mir
das Leib-Seele-Problem und verschiedene Versuche, die Trennung des Menschen in Leib und
Seele bzw. in Körper und Psyche aufzuheben oder zu überbrücken. Dem abendländischen
Menschen fällt es scheinbar schwer, Leib und Seele als gegebene Einheit zu betrachten, während
Menschen mit östlich geprägtem Hintergrund diese Trennung nicht in gleicher Weise kennen.
Entsprechend unterscheiden sich auch die medizinischen Systeme. Es gibt einerseits eine stark
ausgeprägte Trennung zwischen Medizin und Psychologie in der westlichen Welt und andererseits
einen ganzheitlichen Ansatz, wie ihn z.B. die chinesische Medizin kennt. Doch ebenso gibt es
heutzutage die wechselseitigen Beeinflussungen dieser unterschiedlichen Menschenbilder und
der entsprechenden medizinischen Systeme. Die wachsende Verbreitung alternativer
oder naturheilkundlicher Heilverfahren spiegelt dies deutlich wider.
Die auf gnostisches Gedankengut zurückreichende Sicht vom Leib als dem Gefängnis der
Seele (soma sema) scheint sich noch bis in unsere Zeit hinein auszuwirken. Dabei denke ich nicht
so sehr an die unterschiedlichen Wertschätzungen, die einzelne Menschen ihren Körpern
entgegenbringen, sei es nun in der Idealisierung des jugendlichen Körpers oder in der vielfach
möglichen Vernachlässigung. Das Bild vom Körper als dem Gefängnis der Seele erinnert an das Bild,
das Wilhelm REICH für das Verhältnis von Körper und Psyche entwickelt hat und als
Charakterpanzer beschreibt. Dieser Panzer, der bei fast jedem Menschen im Laufe seines Lebens
als Schutzfunktion entsteht, bietet allerdings nicht nur Schutz, sondern kann auch zur
Blockierung werden, und zwar dann, wenn dieser Schutz eigentlich nicht mehr nötig wäre. Der Mensch
wird so zum Gefangenen innerhalb seiner eigenen Verteidigungsanlagen und verliert nach und
nach den Zugang zu seiner Lebendigkeit und zu seinen menschlichen Möglichkeiten. Lebens-
(wichtige) Energien werden gebunden und als Folge entstehen die verschiedensten Charakter-
oder Gefängnistypen", die sich wiederum in den verschiedenen Symptomen auswirken,
beispielsweise in einer leichten Neurose oder auch in einer schweren psychosomatischen Erkrankung.
Doch nicht nur der Leib wird zum Gefängnis der Seele, sondern auch die Seele trägt durch
vielfältige Verdrängungs- und Rückkopplungsmechanismen ihren Teil dazu bei, daß Leib und Seele
in negativer Weise aneinander gefesselt bleiben.
Eine Lösungsmöglichkeit, dieser Situation zu entkommen, zeigt sich in der völligen
Trennung von Leib und Seele, beispielsweise im Nicht-mehr-leben-Wollen und im Suizid. Eine
andere Lösungsmöglichkeit besteht in der Aussöhnung von Leib und Seele, in der
Verleiblichung" (EIDAM 1985), und damit im Bemühen, wieder Zugang zur eigenen Lebendigkeit zu finden.
Therapie sollte diesen Prozeß dort wieder anstoßen helfen, wo die ganz natürliche
Entwicklung und Lebendigkeit des Menschen zu stagnieren droht. Dies bedeutet sowohl Arbeit mit
schwer erkrankten Menschen als auch präventive Arbeit mit Menschen, denen eigentlich nichts fehlt".
Einen möglichen Weg therapeutisch an den Fundamenten dieser Lebendigkeit zu arbeiten,
hat Wilhelm REICH beschritten. Über Psychoanalyse und Vegetotherapie entwickelte er ein
Verständnis von den energetischen Vorgängen im menschlichen Organismus, das dem der
östlichen Traditionen in auffälliger Weise zu entsprechen scheint. REICH selbst hat diese Annäherung
an die östlichen Traditionen und die entsprechenden Parallelen nicht wahrgenommen. Die
Parallelen zeigen sich jedoch, beispielsweise in der annähernden Übereinstimmung der sieben Segmente,
in die REICH den menschlichen Körper eingeteilt hat und den sieben Chakren, die aus dem
östlichen esoterischen Denken her bekannt sind.
Eine weitere Form des therapeutischen Arbeitens, die für mich eine Arbeit an der Basis
und damit am Fundament des Lebendigen darstellt, ist die Pulsationsarbeit nach LASSEK auf
der Grundlage der Vegeto-/Orgontherapie nach REICH. Ich selber bin in dieser Art
therapeutischen Arbeitens von dem Berliner Arzt Heiko LASSEK ausgebildet worden. Ich stehe der
Thematik dieser Diplomarbeit somit nicht neutral gegenüber. Vor allem möchte ich an dieser Stelle
deutlich darauf verweisen, daß das implizite Menschenbild REICHs (im Kern ist der Mensch gut")
auch meinem eigenen Menschenbild entspricht.
Wird nun sowohl dem Leib als auch der Seele ein freiheitliches Miteinander auf der
gemeinsamen Grundlage ihrer Lebendigkeit beispielsweise durch eine Therapie ermöglicht, dann
verändern sich verhärtete Strukturen. Theologisch gesprochen besteht dann die Möglichkeit, daß
dann aus dem Leib als dem Gefängnis der Seele wieder ein Tempel des (Heiligen) Geistes, ein
würdiger Ort für jede Inkarnation und Menschwerdung wird.
In den vergangenen zwei Jahren sind viele Werke von Wilhelm REICH (1897-1957) neu
veröffentlicht worden (REICH 1995a-c, 1996). Verschiedene Autoren beschäftigen sich mit
zentralen Themen REICHs, beispielsweise mit der wissenschaftstheoretischen Einordnung
(BECHMANN 1995), mit dem Orgonomischen Funktionalismus" (DIEDRICH 1993), mit der Wirksamkeit
des Orgonakkumulators (HEBENSTREIT 1995) oder dem Gesundheitsbegriff bei
REICH (MÜSCHENICH 1995). Im therapeutischen Bereich bauen viele Körpertherapien auf der
von REICH entwickelten Vegeto-/ Orgontherapie auf (Begriffsdefinition vgl. im Pschyrembel
1996). Weiterentwicklungen der Vegeto-/ Orgontherapie finden sich beispielsweise in der
Points-and-Positions-Arbeit nach DAVIS (1994) und in der Pulsationsarbeit nach LASSEK (1992, 1994).
Meine eigenen Erfahrungen während der Ausbildung in der Methode der Pulsationsarbeit
begannen mein bisheriges Weltbild zu verändern. Unverständnis und Zweifel hinsichtlich der
Wirkmechanismen der Pulsationsarbeit und Zweifel an der Wirksamkeit dieser Therapieform
weckten mein Interesse, die Vorgänge zunehmend tiefer verstehen zu wollen und auf ihre Effektivität
hin zu prüfen. Evaluationsstudien zu Körpertherapieformen sind insgesamt sehr rar, werden
als unzureichend eingestuft (GRAWE 1994) oder liegen im Falle der Pulsationsarbeit einfach
noch nicht vor.
Auch auf die Gefahr hin, in der eigenen subjektiven Befangenheit selektive Datenauswertung
zu betreiben und den strengen Anforderungen wissenschaftlicher Therapieforschung hinsichtlich
der Neutralität und Objektivität nicht hundertprozentig nachkommen zu können, möchte ich
mit dieser Arbeit einen Anfang setzen.
Dabei verfolge ich zwei Ziele:
Im theoretischen Teil möchte ich auf die Wurzeln, die gegenwärtige Praxis der
Pulsationsarbeit und auf die Möglichkeit ihrer Einordnung innerhalb der therapeutischen Schulen eingehen.
Das Kernstück der Arbeit bildet die qualitative Erhebung und Auswertung von Interviews
in Verbindung mit der Erhebung und Auswertung von Befindlichkeitsmaßen mittels
standardisierter Fragebögen als Therapieverlaufs- und Erfolgsforschung. Dabei sollen die Erfahrungen von
sechs Personen wiedergegeben werden, die mit dieser Therapieform behandelt wurden. Als
Vergleichsgruppe habe ich zwei Personen gewählt, die diese Methode in zwei Probestunden
kennengelernt haben, sonst aber nicht weiter in Behandlung sind.
In den verschiedenen Nebenfragestellungen möchte ich den Formen der körperlichen und
emotionalen Ausdrucksmöglichkeit nachgehen, die während der Behandlungszeit aufgetreten
sind und von den Behandelten beobachtet werden konnten. Weiterhin möchte ich die
Veränderungen hinsichtlich der Befindlichkeit, hinsichtlich der Wahrnehmung und hinsichtlich der
Therapiemotivation darstellen.
Die Hauptfragestellung zielt ab auf die unterschiedlichen Auswirkungen der Pulsationsarbeit
und wurde bereits unter der Annahme formuliert, daß die Pulsationsarbeit überhaupt
Auswirkungen hervorrufen kann. Dies gilt es an zwei ausgewählten Bereichen zu überprüfen, und zwar
hinsichtlich der körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten und hinsichtlich der subjektiven
Befindlichkeit. Weiterhin soll der Versuch unternommen werden, das Zustandekommen der
unterschiedlichen Auswirkungen unter Zuhilfenahme von Erkenntnissen verwandter Wissenschaftsgebiete
aufzuhellen. Die sich daraus ergebenden Antworten und Konstruktionsversuche haben zwar
Verbindung zu den Ergebnissen der Untersuchung, können in diesem Rahmen jedoch nur als
Hypothesen formuliert werden.
Im Theorieteil gehe ich aus von wissenschaftlichen Vorüberlegungen, um den Boden für
die weitere Diskussion zu bereiten, in der es oft darum gehen wird, sich mit dem
Gedankengut REICHs auseinanderzusetzen (II.1). Die Einbindung der Arbeit in den Rahmen
der Psychotherapieforschung erfolgt unter (II.2). Die Psychosomatikdiskussion (II.3) reicht
von Ausführungen zum Leib-Seele-Dualismus bis hin zu der besonderen Position, die REICH
innerhalb der Psychosomatik einnimmt. Ein eigenes Kapitel ist den theoretischen und
therapeutisch-praktischen Ansätzen REICHs als der Wurzel für die Pulsationsarbeit gewidmet (II.4).
Die Ausführungen zum Begriff der Energie (II.5) dienen als weitere Verstehenshilfe dessen,
was unter der Pulsationsarbeit als einem neuen Behandlungskonzept zu verstehen ist (II.6).
Die Positionsbestimmung dieser neuen Therapieform wird dann unter (II.7) versucht.
Im methodischen Teil gehe ich aus von der Wahl der Forschungsrichtung (III.1), diskutiere
die Methode der Komparativen Kasuistik (III.2) und stelle innerhalb dieses Kapitels die
genauere Herleitung der Fragestellung sowie die Festlegung der Homogenitätskriterien dar. Als
Erhebungsmethoden werden die Interviewformen diskutiert und Ausführungen zur
Fragebogenerhebung gemacht (III.3). Unter den Auswertungsmethoden (III.4) verweise ich auf die
Anwendung einer computergestützten Textbearbeitungshilfe (ATLAS/ti), auf die notwendige
zeitliche Strukturierung des auszuwertenden Materials sowie auf die Methode des
zirkulären Dekonstruierens. Ein letztes Kapitel bezieht sich auf die Auswahl und die
Zusammenstellung eines Videos, das als Demonstrationsmaterial im Zusammenhang mit dieser Arbeit erstellt
wurde
(III.5).
Die Durchführung der Untersuchung wird unter (IV.) dargestellt, die Ergebnisse der
qualitativen und quantitativen Auswertung sowie der systematische Vergleich unter (V.). In der
Diskussion (VI.) werden die unter (III.2.2.5) gestellten Fragen aufgegriffen, in Zusammenhang mit
anderen Forschungsergebnissen gesetzt, sowie Konsequenzen und Ausblicke dargestellt.
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