Die neuen Pforten der Wahrnehmung
Gebrauchsanleitung für den menschlichen Geist
von Jürgen Fischer
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Kapitel 6 -
Die Funktionen des Ego
Im Grunde genommen sollte das Ego in seinen Funktionen uns allen bestens bekannt sein, denn es ist die vorherrschende Identifikationsebene des menschlichen Geistes. Dennoch liegt ein Schleier des Nichtwissens, eine Art "Erkenntnissperre" über dem Ego. Obwohl wir uns so offensichtlich mit dem Ego identifizieren, soll uns dies unbewußt bleiben. Wir sollen glauben, dies sei der natürliche, nicht hinterfragbare Zusatand des Menschen, über den es nichts zu erfahren gibt. Das klingt so als sei da eine bewußte Verschwörung im Gange oder als hätte eine übermächtige Intelligenz Gewalt über unseren Geist. Das wird auch tatsächlich oft so dargestellt, z.B. wenn Buddha unter dem Bodhibaum von Mara verführt und angegriffen wird oder Christus in der Wüste vom "Herrn der Welt" versucht wird. Ich vermag nicht zu sagen, ob diese Macht auch als Person in Erscheinung treten kann oder ob das eher eine metaphorische Darstellung ist. Tatsächlich scheint das Ego eine eigene Intelligenz zu haben, sobald wir uns seiner Existenz bewußt werden und sich zu verhalten wie ein sehr eigenständiges Wesen, das unbeschränkte Macht zu haben scheint.
Nichts ist schwieriger, als die Illusion als unwahr zu erkennen, solange die Illusion besteht, auch wenn sie noch so offensichtlich ist. Das Ego erscheint wie ein dreidimensionaler Film, in dem wir selber eine Rolle spielen. Wenn wir einen Film im Kino ansehen, kann es uns geschehen, daß wir in dessen Realität hineingezogen werden, daß wir uns mit dem Helden identifizieren und hinterher in unserem eigenen Geist aussehen wie Gregory Peck, Audrey Hepburn oder Richard Gere. Auch, wenn wir wissen, daß ein Regsisseur, Kameraleute, Tontechniker, Cutter, eine Produktionsfirma und Werbeagenturen im Hintergrund dieses Ereignisses stehen, leiden und freuen wir selber aktiv mit den dargestellten Personen und geben unsere Identifikation hinein. Wer empfindet nichts bei dem Satz: "Ich schau dir in die Augen, Kleines."
Unser Geist ist in der Lage, sich zu identifizieren, sich hinzugeben an das Offensichtliche. Die "Realität", an die wir so leidenschaftlich glauben, besitzt nicht mehr Wirklichkeit als ein produzierter Film. Es geschieht oft in meinen Seminaren, daß Menschen tiefe und glückvolle Erfahrungen im übersinnlichen Bereich machen und voller Zweifel sagen: "Ich weiß nicht, ob ich mir das alles nur einbilde."
Das Ego behauptet, seine Wahrnehmung sei die einzig mögliche Realität, alles andere sei "Einbildung". Ich kann dann nur antworten: "Unsere Realität ist die Einbildung. Die geistigen Erfahrungen sind die Wirklichkeit." Die gesamte Existenz ist nichts anderes als die Fähigkeit des Geistes zu leuchten und Struktur auszubilden. Nur wissen wir meist nicht, daß wir uns unsere Welt als Illusion schaffen und daß der materielle Anteil der Illusion eine eigene Dynamik bekommen hat, so daß er wirklicher erscheint als seine geistige Ursache. Es scheint ein tragischer Sinn darin zu liegen, daß die Menschen sich mit dem dunklen, leidvollen, destruktiven Teil des Geistes identifizieren, anstatt die eigenen Freiheit dazu zu nutzen, sich mit dem göttlichen Teil zu identifizieren, der vom geistigen Standpunkt aus die Wirklichkeit ist, während die Identifikation mit der Materie, in der wir leben nichts anderes ist als eine zeitweilige Phase des Vergessens, das Absinken in die Materie.
Die Materie ist in unserem Zustand das Offensichtliche, so wie die Film-Realität, wenn wir uns in ein Kino hineinbegeben. Es ist durchaus möglich, die Materie als neutral zu erfahren, aber nur dann, wenn wir gelernt haben, auch die geistige Welt als Realität zu erfassen. Während wir Menschen uns für etwas Besonderes halten, für "die Krone der Schöpfung", liegt in der menschlichen Existenz nur eine besondere Ignoranz, solange wir uns mit der Materie identifizieren. Lösen wir diese Identifikation auf, haben wir tatsächlich etwas erreicht, nämlich die Verwirklichung der geistigen Welt innerhalb der Materie.
Wenn wir den Kurs in Wundern zu Rate ziehen, scheint es einfach zu sein, das Ego in all seinen Aspekten zu erkennen. Doch dieses Buch ist von Wesen verfaßt, die jenseits des Ego stehen und die aus dem Jenseits mit einer höheren und von der menschlichen Erkenntnis aus gesehen esoterischen Wahrheit ausgestattet sind, die wir Menschen uns erst noch erarbeiten sollen. Ich werde also zunächst wieder davon ausgehen, das Nachvollziehbare und Wahrnehmbare zu beschreiben, um uns so den verschiedenen Ego-Funktionen nähern zu können.
Wenn wir Lebendige Meditation praktizieren, gehen wir in eine Wahrnehmungsebene, die es uns erlaubt, diskursive Gedanken zu betrachten: das "geistige Geplapper" mit dem wir uns ständig selbst vollquatschen. Obwohl es nicht Sinn der Lebendigen Meditation ist, diesem diskursiven Gedanken inhaltlich zu folgen, sondern sie einfach als solche zu erkennen und abzustellen, können wir uns ansehen, womit wir es zu tun haben.
Zunächst denkt es einfach in uns, doch wenn wir versuchen, dieses automatische Denken zu kontrollieren, werden wir darauf gestoßen, daß darin eine Zwanghaftigkeit liegt, die wir nicht für möglich gehalten haben, die wir nie wirklich mitbekommen haben. Wir sind diesem Gedankenfluß scheinbar machtlos ausgeliefert. Die Frage, die sich mir aufdrängt, ist: worin liegt der Sinn für dieses zwanghafte Denken? Was habe ich, was hat der Geist davon, in dieser Weise vorzugehen?
Die Inhalte der diskursiven Gedanken scheinen beliebig und mannigfaltig zu sein, so vielseitig wie unsre Welt eben. Doch das ist nicht so. Wenn wir unser diskursives Denken betrachten und so gut es möglich ist, nachzuvollziehen, werden wir die schmalspurige Banalität dieser Gedanken bemerken.
Die diskursiven Gedanken kreisen um die Tatsache, daß wir dazu neigen, und selbst als Körper und die Welt als physisch existent zu begreifen. Sie kreisen um Themen, die wir als emotionell anziehend empfinden, die wir geradezu suchthaft aufsuchen. Es geht um Vergangenheit und Zukunft, nie um die Gegenwart.
So sind wir in der Lage im Kopf stundenlange Streitgespräche mit einem Widersacher zu führen, wir können uns die Situation mit einem Partner vor Augen führen, in den wir verliebt sind oder waren. Aber ich kann mich nicht erinnern, jemals die Erlebnisse und Gedanken, die ich in Mediationen gehabt habe, als Gegenstand diskursiven Denkens gedacht zu haben.
Das diskursive Denken bestätigt die physische Existenz und nimmt geistig mit anderen Menschen auf einer physischen Ebene Kontakt auf. Das scheint zunächst unsinnig, denn die Ebene des diskursiven Denkens existiert ja tatsächlich nur geistig. Dennoch verhalten wir uns geistig so, als seien andere Menschen - und wir selbst auch - dadurch definiert, daß wir als physische Körper existieren.
Die Aktivität, die wir in diesen Gedanken ausüben, ist der Angriff, den wir regelrecht planen und in allen möglichen Varianten durchspielen. Natürlich sind wir davon überzeugt, daß wir berechtigt sind, diese Angriffe zu planen, denn wir glauben, uns selbst ist etwas angetan worden, h.d. die Verantwortung dafür, daß wir diesen Angriff starten müssen, trägt in unserer Vorstellung der andere.
Der Begriff des "Angriffs" sollte hier sehr weit gefaßt werden, denn es geht nicht nur um Vorwürfe, Haßtiraden oder geplante Intrigen und Wortgefechte. Es geht um alle Gedanken, die den anderen Menschen darauf festlegen, daß er ein Körper ist, um Gedanken, die den anderen Menschen entgeistigen. Und so können es auch Gedanken sein, die uns überhaupt nicht als Angriffsgedanken auffallen - wenn sie uns überhaupt bewußt würden. Es sind Gedanken, die z.B. von der sexuellen Attraktivität einer anderen Person handeln, von Ihrem Besitz, von ihrer beruflichen Funktion und die diese Person auf diese Funktion festlegen. Nicht was der andere empfindet, wie er sich geistig dazu stellt, ob er sich darüber freut oder davor fürchtet ist Gegenstand diskursiver Gedanken, sondern, was er körperlich tut (d.h. getan hat oder tun wird) oder sagt.
Wir verhalten uns in diesem geistigen Raum des diskusiven Denkens sozusagen "privat", d.h. wir leisten uns alle Gedankenspielereien, die wir nur uns selbst gegenüber zu rechtfertigen brauchen und die wir zügellos in allen Details aus-denken können. Diese Privatheit scheint uns zu schützen und wir meinen, in unserem Geist allein und unbeobachtet zu sein. Und so agieren wir in diesem geistigen Raum des diskursiven Denkens als wären wir anonym. Wir führen anonyme Kriege, verführen anonym die Frauen, die uns gefallen, erleben anonyme Pornos, verprügeln anonym unsere Kinder und rächen uns anonym an unseren Widersachern.
Die Gedanken sind einzig und allein dem untergeordnet, was wir persönlich als Realität anerkennen und das ist vollständig gesteuert von unseren Emotionen. Sind wir deprimiert dann projizieren wir Verlußt und Versagen. Sind wir aggressiv, dann planen wir Rache an unseren Feinden und führen innerliche Wortgefechte mit ihne n. Fühlen wir uns als Opfer, dann erleben wir, was uns alles angetan wurde und sehen wir uns als phallische Sieger, dann projizieren wir uns als Gewinner und unsere Gegner als neidische Verlierer.
Wenn wir unser diskursives Denken bewußt machen, erleben wir, wer wir tatsächlich sind - und deshalb soll es unbewußt bleiben, denn hier erschaffen wir das Ego beharrlich neu.
Das Ego umgibt sich gern mit Attributen wie "wirklich", "mächtig", "glückbringend" usw. Es verspricht uns Erlösung, wenn wir nur an seine Realität glauben und wenn wir es nicht tun, verspricht es uns ebenso die Verdammnis, Tod und Unglück. Es verhält sich so wie sich die Menschen Gott vorstellen: eifersüchtig, mächtig, zornig, strafend und nach völlig unverständlichen Kriterien über Leben und Tod entscheidend. Wer kennt nicht den Ausspruch: "Wie kann Gott nur zulassen, daß es so viel Leid, Krieg und Elend gibt!" Dahinter steht die Aussage des Ego, daß es keinen Gott gibt und gleichzeitig die Annahme, Gott sei der Verantwortliche für alles, was existiert und geschieht.
Aber das ist einfach nicht so. Wir Menschen haben uns von Gott getrennt, indem wir unsere eigene Realität geschaffen haben. Die Schöpfungsgeschichte beschreibt diesen Wendepunkt der menschlichen Geschichte: Die Menschen aßen die Früchte vom Baum der Erkenntnis, da ihnen die Schlange versprochen hatte, daß sie dann so sein werden wie Gott. Das erste, was ihnen geschah, war, daß sie gewahr wurden, daß sie nackt waren und sie bedeckten sich mit Schurzen aus Feigenblättern und schämten sich ihrer Nacktheit. Um sich für die Nacktheit zu schämen mußten sich die Menschen mit der Materie identifiziert haben, sie glaubten von diesem Moment an, sie wären der Körper, der nackt ist.
Seither sind wir so wie Gott, aber leider haben wir nicht seine Fähigkeiten. Wir wissen nun, was gut und böse ist, d.h. wir haben die Fähigkeit, zu entscheiden, aber es ist keineswegs damit gesagt, daß wir richtig erkennen, was gut und was böse ist, denn wir sind frei, diese Kriterien anzuwenden, wie wir wollen. Wir glauben nun, die Materie sei real, d.h. gut und der Geist ist irreal, d.h. böse. Wir haben das Ego erschaffen.
Da wir sind wie Gott, haben wir die Fähigkeit, Schöpfer zu sein. Diese Fähigkeit haben wir dazu verwendet, eine Realität zu projizieren, die wir für materiell existent halten, d.h. eine Illusion, der wir die Qualität von Eigenständigkeit zubilligen. Anders ausgedrückt: anstatt tatächlich wie Gott Schöpfer zu sein, spielen wir Schöpfer, indem wir diese Fähigkeit in einer Art virtuellen Realität anwenden. Wir begrenzen den Kosmos auf Briefmarkengröße und nennen ihn "mein Körper" und glauben fortan, daß wir - also unser Geist - in diesem Körper wohnen. Wir bauen einen Zaun um diesen Briefmarkenkosmos und nennen ihn "die Welt".
Vom Standpunkt des Geistes aus betrachtet, ist das, was wir Menschen tun, der Wahnsinn schlechthin. Wir schaffen eine Realität, die alle möglichen negativen Attribute hat, die voller Leid, Tod und Hölle ist und vergessen, daß wir deren Schöpfer sind, was konsequenterweise dazu führt, daß wir von unseren Illusions-Schöpfungen geplagt werden. Es ist ein Horrorfilm, den wir gemacht haben, in dem wir die Opfer spielen und vergessen haben, daß das alles eine Scheinrealität ist. Nun sitzen wir in der Patsche.
In der Schöpfungsgeschichte ist sich Gott offenbar der Folgen, die die Erkenntnis für den Menschen hat, sehr bewußt, denn er weist Adam und Eva aus dem Paradies, damit sie nicht auch vom Baum des ewigen Lebens essen und er schützt den Zugang zum Garten Eden mit bewaffneten Engeln. So sind wir Menschen glücklicherweise in einem Punkt nicht wie Gott: wir können sterben und somit ist die Phase, in der wir uns mit der Materie identifizieren, auf einen relativ kurzen Zeitraum begrenzt. Die Vorstellung, daß es Wesen geben könnte, die wie wir Menschen in die Illusion des Ego gefallen sind und außerdem ewig leben, käme auch für Gott einer kosmischen Katastrophe gleich. Wir können sterben und das ist unser Glück, denn wir können zurück in die geistige Welt.
Das Ego ist in all seinen Verrücktheiten kaum zu erklären. Es schafft Gesetze, die an einem Ort so und an einem anderen genau gegenteilig sind, zur einen Zeit anders als zur anderen Zeit. Das Ego schafft eine unüberschaubare Vielfalt von Erscheinungsformen. Dennoch haben diese Erscheinungsformen offensichtliche Gemeinsamkeiten.
— Das Ego kennt keine Gegenwart. Es existiert nur in Vergangenheit und Zukunft.
— Das Ego behauptet, daß die Materie eigenständig existiert und Grundlage der Existenz ist. Der Geist ist für das Ego eine Funktion der Materie. D.h. das Ego leugnet die geistige Welt.
— Das Ego verspricht Freiheit in der Zukunft durch Veränderung materieller Umstände.
— Das Ego behauptet, daß es den Tod, im Sinne der Auslöschung von Existenz gibt. Es droht mit dem Tod und verspricht gleichzeitig, Retter vor dem Tod zu sein.
— Das Ego verlangt Gefolgschaft. Es bestraft Untreue.
— Das Ego urteilt.
— Das Ego ist aktiv durch Angriff. Es motiviert und rechtfertigt Angriff durch den Groll, als angemessene Antwort auf erlittene Angriffe.
Das Ego kennt keine Gegenwart
Die Zeit ist eine Funktion der Materie. Der reine Geist kennt weder Materie noch Zeit. Für den Geist ist die Existenz eine immerwährende Gegenwart, d.h. Ewigkeit und Gegenwart sind identisch.
Die Zeitlosigkeit und Materielosigkeit kann in der Meditation erfahren werden. Durch die tiefe Meditation können wir immer mehr hineingehen in einen inneren Raum, der es uns erlaubt, die materielle Erfahrung, die Projektion von Dingen außerhalb und unseres eigenen Körpers hinter uns zu lassen. Dabei verschwindet die Wahrnehmung von Materie nach und nach, in dem Maße in dem wir diesen Prozeß bewußt steuern können. Gehen wir zu schnell in diese Erfahrung hinein, geraten wir sofort in die Traumwelt des Schlafes. Wenn dies geschieht, haben wir die Fähigkeit zu meditieren, d.h. den Zustand materieloser Erfahrung, zu schnell erreicht und sind dem Ego nicht entkommen. Der Traum ist ein Zustand, in dem der Geist innerhalb der Bindung an das Ego projiziert. Wäre dem nicht so, könnten wir uns im Traum frei geistig bewegen und würden natürlich nur glückselige Bereiche aufsuchen. Stattdessen gehen wir auch im Traum in die leidvollen Bereiche des Ego hinein.
Je weiter wir uns von der Wahrnehmung von Materie entfernen, desto weniger läßt sich die Zeit während der Meditation wahrnehmen. Wir sitzen eventuell stundenlang in Meditation und haben kein Zeitgefühl für diese Periode.
Wenn wir in der Lebendigen Meditation in den inneren Raum hineingehen, in dem nur das akustische Rauschen existiert, das bedeutungslos ist und nicht mehr zur materiellen Wahrnehmung gehört, können wir die Gegenwart direkt erkennen, auch ohne alle materielle Wahrnehmung aufgegeben zu haben. Dies ist auch ohne tiefe Meditation im Normalbewußtsein möglich. Der Gegenstand der Meditation, den wir aufgrund seiner Bedeutungslosigkeit mit Gott gleichsetzen können, existiert nur im Jetzt. Da er immer erreichbar ist, ist er ewig, d.h. diese Gegenwart wird immer so sein und war immer so. Dennoch scheint dieser innere Raum sich unserer Erinnerung einerseits und der Projektion in eine Zukunft hinein zu entziehen, denn wir können nicht an einen zukünftigen oder vergangenen inneren Raum denken. Wenn wir dies versuchen, geraten wir sofort in die Wahrnehmung des inneren Raums und landen in der Gegenwart, und hier ist jeder Gedanke an Vergangenheit oder Zukunft dieses inneren Raumes völlig belanglos.
Die Wahrnehmung der materiellen Welt ist andererseits in der Gegenwart so gut wie unmöglich. Wenn wir die Augen schließen und uns ein Objekt vorstellen, sehen wir es so vor uns, wie es in der Vergangenheit war oder wie es in der Zukunft sein wird. Wenn wir die Augen öffnen, meinen wir zwar, die Dinge jetzt wahrzunehmen, doch wir erinnern uns lediglich an die Bedeutung, die unser Geist den Dingen gegeben hat. Wir können die Form selber überhaupt nicht erfassen, sondern nur ein Abbild, das wir in unserem Kopf wahrnehmen, indem wir mit Begriffen spielen. Wir tun also mit geöffneten Augen nichts anderes als mit geschlossenen Augen, nur daß wir die Realität, die wir in der Phantasie im Kopf herstellen, anders bewerten als die, die wir meinen, mit den Augen zu sehen. Diese Gedanken sind keine intellektuellen Spielereien, sondern sondern das Ergebnis von Beobachtungen, die jeder Mensch selber nachvollziehen kann.
Die Erfahrung des inneren Raums der Mediation auch während des normalen Wachbewußtseins führt dazu, daß wir eine gegenwartsbezogene Wahrnehmung erleben, auch wenn die Dinge immer noch die Ego-Bedeutung haben. Es ergibt sich eine Wellenbewegung des Geistes: wir können den inneren Raum über das Hören des inneren Rauschens erreichen, aber wir können nicht darin bleiben. Die Dinge, mit denen sich unser Geist beschäftigt, holen ihn immer wieder aus der Gegenwart heraus und drängen ihm eine vergangenheits- und zukunftsbezogene Wahrnehmung auf. Dann erinnern wir uns wieder an den inneren Raum und gehen in die Gegenwart hinein.
Das Ego behauptet, daß Materie eigenständig existiert.
Durch die Meditation mit offenen Augen können wir auch die materielle Welt von iherer Bedeutung trennen und ihre wirkliche Natur wahrnehmen, denn es lassen sich auch optische Phänomene erkennen, die ebenso wie das innere Rauschen keine Bedeutung für das Ego haben und nur in der Gegenwart existieren. Die sichtbaren Phänomene haben ein völlig individuelles Spektrum, daher kann es keine korrekte detailgenaue Beschreibung dieser Erscheinungen geben. Häufig erscheint die Atmosphäre, die Luft zwischen dem Betrachter und den Dingen wie von Schwaden von glitzernder Energie erfüllt. Farbige leuchtende Objekte erscheinen, wandern durch den Raum. Lichtpunkte und Lichtblitze treten auf. Flächen beginnen, sich zu bewegen wie Wasseroberflächen und der Raum wird extrem hell oder extrem dunkel und die Hintergrundfrbe ändert sich. Letztlich beginnen die Dinge, ihre Struktur zu verlieren und lösen sich in energetische Objekte auf, ohne allerdings zu verschwinden. Es gibt für viele dieser Erscheinungen keine adäquaten Beschreibungen in der "Ego-Sprache". Jede noch so leichte Ablenkung des Geistes ins diskursive Denken hinein läßt diese optischen Erscheinungen verschwinden, und daran ist zu erkennen, daß es sich tatsächlich um Erfahrungen der Egolosigkeit handelt.
Unsere "normale" physikalische Sicht der Welt geht davon aus, daß Materie eigenständig existiert und daß sie der Ursprung des Seins ist. Ohne hier allzu tief in die wissenschaftliche Philosophie einzusteigen, möchte ich behaupten, daß an der Grenzlinie Materie — Geist die eigentliche heute interessante Forschung stattfindet. Auch wenn ich Autoren wie Popp einfach nicht verstehe, weil mit der praktische Zugang zu diesem Denken fehlt.
Es gibt die traditionelle materialistische Sichtweise, die behauptet, der Raum sei leer und auf Inseln in der Leerheit gäbe es Materieanhäufungen, beginnend bei Gaswolken, die sich zu Sternen zusammenballen. Usache dieser Materie-Raum-Konstellation ist ein hypothetischer Urknall.
Die orgonomische Sichtweise Wilhelm Reichs geht davon aus, daß der Raum von lbendiger, intelligenter Energie erfüllt ist, daß es keine physikalische Leerheit gibt und daß Materie das Ergebnis von Überlagerungen verschiedener Energieströme ist. Da die Energie die Eigenschaft hat, daß das größere Feld kleinere Felder absorbiert, ist als Ursache der Formbildung nicht mehr vonnöten gewesen, als ein kleines Ungleichgewicht in der Verteilung der Energie im Kosmos.
Diese orgonomische Sicht unserer physikalischen Welt kommt der geistigen Realität näher als die materialistische Sicht und in diesem Ansatz scheint die Möglichkeit enthalten zu sein, eine Erklärung für die materielle Welt zu erhalten, die der geistigen Erkenntnis nicht mehr widerspricht. Solange geistige und materielle Erkenntnis, also Religion und Wissenschaft auseinanderklaffen, wird es nicht möglich sein, die Welt in all ihren Erscheinungen so zu erklären, daß wir materiell wie auch geistig in einer Welt leben. In dieser Trennung zwischen real erfahrbarer, wahrnehmbarer Welt und geistiger Wirklichkeit liegt eine der Hauptquellen des Ego. Denn solange Menschen sich entscheiden müssen, ob sie einer religiösen oder einer naturwissenschaftlich-philosphischen Auslegung der Welt folgen, sind sie in einem unlösbaren Konflikt, dessen Ausgang häufig "Ego" heißt. Die Dissoziation ist eine der Eigenschaften des Ego.
Der Grund, warum das Ego darauf besteht, daß es eine eigenständige Materie gibt, ist seine Annahme, daß der Geist des Menschen eine Funktion des Körpers ist. Das Ego sieht den Körper getrennt von anderen Körpern und getrennt von allen anderen Erscheinungen. Der Geist, das ist für das Ego die Funktionen des Denkens, Fühlens, Wahrnehmens, die einzig innerhalb des Körpers oder in direktem Bezug zu ihm existieren. Der eigene Körper ist demnach eine Art Wohnstätte, besser: ein Gefängnis des Geistes. Der Körper ist demnach der handelnde, der Geist der erfahrende Aspekt des Menschen. Diese Aufsplitterung in viele Teile soll verschleiern, was tatsächlich ist: der Geist soll Sklave des Ego sein und das Ego will selber dabei überhaupt nicht in Erscheinung treten. Es existiert "offiziell" überhaupt nicht, denn existent ist laut Ego nur der Körper. So existiert das Ego nur in einer Vielzahl von Einzelfaktoren, die scheinbar unfunktionell sind und überhaupt nicht zusammengehören. Die Welt scheint aus vielen einzelnen materiellen Einheiten zu bestehen, aufgesplittert in Milliarden von Einzelteilen, die jedes für sich wiederum in Billionen von Molekülen und Atomen zerfallen. Und das alles in unzähligen Welten, denn wir überlegen, daß es Milliarden von Sonnen in dieser Galaxie gibt, in der es milliarden von belebten Planeten gibt, und es gibt Milliarden von Galaxien... Das ist Ego. Wer sollte sich nicht machtlos, klein und unsagbar verloren fühlen angesichts dieser Vielfalt, Größe und Unberechenbarkeit!
Das Ego verspricht Freiheit
Das Ego suggeriert Macht und die Fähigkeit, die Existenz letztlich zu erklären, auch, wenn es auf die Phänomene Tod, Liebe, Geburt nur banale Antworten weiß, denn als Funktion des materiellen Körpers können diese Dinge nur unzureichend erklärt werden. Wo war der Mensch vor seiner Geburt? Wohin geht er danach? Gibt es Wiedergeburt und wenn ja, was ist das?
Innerhalb der materiellen Welt wird Freiheit vom Leid dadurch versprochen, daß Veränderung erwartet wird. Die Freiheit wird in die Zukunft gesetzt und meist sehr einfach mit materiellem Reichtum gleichgesetzt. Da nur wenige diesen Reichtum erreichen, fällt kaum auf, daß die Probleme sich für Reiche lediglich verlagern und daß das geistige Leid für die meisten Menschen, die "reich" sind nicht abnimmt, sondern oft verschärft wird, und sich z.B. in Drogenmißbrauch, promiskuiven Beziehungen, in Angst vor dem Verlußt des Reichstums oder ungebremster Gier nach mehr materieller Befriedigung äußert.
Der Tod von Lady Diana und Mutter Theresa innerhalb einer Woche hat sehr deutlich gezeigt, wen die Ego-Welt als ihre eigentliche Heilige ansieht. Die an Boulemie und Depressionen leidende Prinzessin, "Gefangene" des britischen Königshauses und der Boulevardpresse, die sich, wie sie in ihrem Interview sagte, karitativen Organisationen zuwandte, um den Aktivitäten ihres Mannes etwas Eigenständiges gegenüberzustellen ist das Idol von Millionen Menschen. Die Übertragung ihres Begräbnisses wurde von einer Milliarde Menschen gesehen und war das größte gemeinsame Medienereignis, das bisher stattfand. Und Mutter Theresa, die als Sinnbild christlicher Armenhilfe schlechthin galt, die ihr ganzes Leben der aktiven Sterbebegleitung widmete, verblaßt dagegen. Beide waren mystifizierte Symbole für die Menschen, keine fühlenden Personen, doch gerade im parallelen Tod dieser beiden Menschen hat das Ego eindrucksvoll seine Position auf Erden demonstriert, denn es hat den Wert der Mystifikationen demonstriert: Das Wunschbild ist und bleibt die blonde Prinzessin, reich, attraktiv, gebildet, jet-setting. Wen kümmert es, daß sie ihre Kinder (die sie angeblich so sehr geliebt hat) in Internaten unterbrachte, daß sie sich die Arme aufschlitzte um ihrer Depression Ausdruck zu geben und daß sie viele Jahre lang täglich ihre Nahrung mehrmals täglich erbrach, weil sie sich selber nicht ertragen konnte. Sie ist das Idol und wir sollen so sein wie sie. Reich, unglücklich, geisteskrank und voller idealistischer Floskeln. Während dann Elton John einen Nr.1-Hit landet und die millionenfache Aufregung langsam verglüht, um dem nächsten Medienspktakel Platz zu machen, reiht Lady Di sich ein in den Sternchenhimmel zwischen Marylin Monroe, Janis Joplin und Elvis Presley – den anderen Ego-Heiligen, die an Drogen, geistigem Ruin und Größenwahnsinn umgekommen sind.
Die Freiheit und der Frieden, die vom Ego versprochen werden, sollen dadurch erreicht werden, daß der Körper etwas bekommt. Er bekommt Kleidung, Nahrung, Genuß. Der beste Kaffe, die edelsten Stoffe, das reinste Kokain – der Körper bekommt etwas und wir sollen dadurch Befriedigung erlangen. Doch wenn wir genau hinsehen, haben wir diese Befriedigung nie bekommen. Sie wird versprochen, sie soll in der Zukunft kommen, und wenn diese Zukunft da ist, finden wir lediglich weitere Versprechungen. Das Ego ist wie eine unendliche Werbesendung.
Natürlich gibt es von Zeit zu Zeit kleine Bonbons des Glücks, das jedoch allzuoft hoch bezahlt werden muß. Zur Zeit sind House-Partiey und Goa-Feste in. Die Menschen nehmen Speed, tanzen zwei, drei Tage durch, sind für diese Zeit in einem exstatischen Zustand der Glückseligkeit — und dann folgen ein, zwei Wochen des Katzenjammers, bis sich der Körper von dieser Strapaze erholt hat, gerade rechtzeitig zur nächsten Party.
Es ist der Glaube, daß der Körper einen Wert für sich selbst darstellt, was diesen Konflikt hervorbringt. Es ist die Verdrehung der Wahrheit, daß die Lebendigkeit Gottes im Körper erlebt werden kann. Doch die erfährt der Geist über die Hingabe an das Lebendige, nicht indem er das Leben "bekommt". Wilhelm Reich hat in seinem Werk beschrieben, daß der Orgasmus als die intensivste Form, das Lebendige zu erleben, nur dadurch erlebt werden kann, daß wir uns der lebendigen Energie hingeben. Wir können keinen Orgasmus "bekommen", wir können ihn nicht machen, sondern einzig über die Hingabe erleben.
Das lebendige, freie Lachen eines glücklichen Kindes können wir nicht machen. Die Glückseligkeit, die durch das Strömen der Energie in unserem Körper entsteht, können wir nicht machen. Die Erfahrung des Einsseins mit dem Kosmos, wenn wir in einer Sommernacht zu den Sternen aufschauen oder im Sturm auf einer Klippe stehen, können wir nicht machen. Wir können uns nur hingeben an das Lebendige. Wir sind durchaus fähig, Frieden und Freiheit auch im Körper zu erleben, aber wir müssen den Unterschied kennen zwischen der Hingabe an den lebendigen Frieden Gottes und dem Trugbild des Friedens, den uns das Ego verspricht, damit wir uns nicht verirren, damit uns die friedliche körperliche Erfahrung nicht tiefer in die Bindung an die Materie hineintreibt. Neurotische Menschen können die Hingabe an die lebendige Energie nur partiell erleben, und daher werden sie sehr schnell süchtig nach Leben, wenn sie es denn einmal erleben.
Der Konflikt, daß der Körper in der Lage ist, diese göttlichen Gefühle zu erfahren, die jenseits des Ego liegen und daß die Körperlichkeit gleichzeitig die Trutzburg des Ego darstellt, hat in der Vergangenheit zu fürchterlichen Fehlinterpretationen geführt. Alle Religionen sind an diesem Konflikt gescheitert, wenn sie die Askese als Antwort auf diesen Konflikt von ihren Gläubigen einforderten. Und diese Lüge, daß der Körper an sich etwas Schlechtes, Sündiges darstellt, die von den Kirchen aller Konfessionen mehr oder minder gepflegt wurde und wird, ist eine weitere Quelle des Ego geworden. Denn die asketische Bosheit, der lüsterne Sadismus der Priester und Mönche, die Askese fordern und hinter der Sakristei Kinder mißbrauchen, haben den Glauben an den Gott, der in den Kirchen gepredigt wird, vollends zerstört. Obwohl sie immer noch eine erhebliche geistige und materielle Macht darstellen, sind sie für rational denkende und empfindende Menschen genau das, was ich hier als das Ego darstelle: das irrationale Versprechen einer Freiheit, irgendwo in der Zukunft, ein weiteres Unternehmen, das die Werbetrommel rührt. Der Gott, der hier gepredigt wird, heißt Ego.
Das Ego und die Angst vor dem Tod
Angst ist das Resultat von Trennung. Da wir dem Ego Glauben schenken, daß wir materielle Körper sind, in denen ein Geist "wohnt", erleben wir uns als getrennt vom Kosmos, von Gott, von anderen Wesen. Da der Körper vergänglich ist, glauben wir dadurch auch an den Tod. So sind Tod und Angst funktionell identische Funktionen der Trennung.
Das Ego geht geradezu schizophren um mit dem Tod. Es hat durch seine Ideologie den Tod erst möglich gemacht und der Tod ist von Standpunkt des Geistes aus gesehen ein abolut lächerlicher Fehlglaube. Er ist ein Übergang von der materiellen Existenz in die geistige, und da wir nach dem Tod zurückgehen können in unsere geistige Heimat, ist der Tod ein sehr viel erfreulicheres Ereignis als z.B. die Geburt. Der Tod existiert nur für das Ego und den Menschen, der sich damit identifiziert. Für das Ego ist der Tod allerdings tatsächlich eine Gefahr, denn so unkontrolliert wie im materiellen Diesseits kann es sich im geistigen Jenseits nicht ausbreiten. Es ist im Jenseits nicht weg, es existiert weiter in den Projektionen der Menschen, die noch nicht verstanden haben, wie der Konmos funktioniert. Für die Menschen ist die Existenz ein Wechsel zwischen Phasen des materiellen und des geistigen Lebens. Im geistigen Leben lernen wir Schritt für Schritt die Funktionszusammenhänge des Kosmos. Im materiellen Leben müssen wir das Gelernte beweisen, praktisch umsetzen. Wir verlieren durch die Geburt im Materiellen unsere Erinnerung an die geistge Welt und müssen unsere Erkenntnis aus eigener Kraft umsetzen. Unser Ziel – die Rückkehr zu Gott – ist uns allerdings vorläufig verwehrt, da die Menschen sich gemeinsam von Gott getrennt haben und nur gemeinsam den Weg zurück gehen können ins göttliche Licht.
Es ist also das Ego, die Illusion der Identifikation mit der Materie, was stirbt. Das Ego erschafft den Tod und die Angst davor. Das Ego verlangt absolute Gefolgschaft. Jede Untreue wird bestraft – mit dem Tod oder der Angst davor. Das Ego droht uns also mit der Auflösung des Ego. wenn wir ihm nicht folgen. Natürlich droht es uns mit dem Entzug materiellen Besitzes, damit uns Freunde, Verwandte und geliebte Menschen zu nehmen. Es droht uns mit Hunger, Kälte und Krieg. Und es wird nicht müde zu behaupten, es könne uns vor all diesen Ungeheuern beschützen. Der Geist wird aufgespalten in einen guten, anstrebbaren Teil und in einen bösen, abzulehnenden Teil. Das Ego läßt uns Dämonen der Lust und der Angst erträumen und schickt uns durch dieses Gruselkabinett.
Der Tod ist lediglich ein biologisches Ereignis wie die Geburt und wie zahlreiche andere Übergänge im Menschenleben, die zwar anders erlebt werden – zeitlich gestreckt sozusagen – die aber ähnliche Funktionsänderungen nach sich ziehen, wie z.B. die Pubertät, das Altern, Mutterschaft oder schwere Krankheit. Der Tod ist in übertriebener Weise mystifiziert und dramatisiert worden.
Die Bedeutung des Todes für die Menschen habe ich in den Interviews mit Wilhelm Reich am 1. und 2. Mai 1997 ausführlich erörtert.
Die psychischen Egos
Der analytische Begriff des Ego hat zu dieser eher spirituelle Sichtweise des Ego einen deutlichen Bezug. Wenn wir vom Kind-Ego, vom Erwachsenen-Ego oder vom Eltern-Ego sprechen, meinen wir die Eigenschaft der Menschen, sich mit bestimmten Rollen identifizieren zu können, wenn sie sich in ihrer psychischen Befindlichkeit - meist unbewußt - einen Vorteil versprechen. Entscheidend ist, daß Menschen in der Lage sind, ihre Identifikationen zu wechseln, was ein deutlicher Hinweis darauf sein sollte, daß wir es hier mit Projektionen zu tun haben, also mit einer Illusion, die wir nach Bedarf selber herstellen.
Ein Besipiel mag die Rolle der Egos kurz beleuchten: Frauen werden mit Namen wie Häschen, Püppi oder Susi in einer Kind-Rolle gehalten. Sie sind niedlich, sie sind attraktiv und tun alles, damit der Freund, der Ehemann oder der Chef sie in dieser Rolle der Niedlichen sehen, weil sich das Leben dann vordergründig leichter gestaltet. So ist es möglich, inkompetent zu sein und trotzdem allgemeine Anerkennung und Zuwendung von allen Seiten zu bekommen. Die männlich-chaivinistische Seite dieses Rollenmusters sind die Blondinenwitze. Natürlich ist dieses Ego nur aufrechtzuerhalten, solange Frauen tatsächlich ein bestimmtes Maß an Niedlichkeit aufweisen. Ab einem gewissen Alter ist die Rolle nicht mehr glaubwürdig zu spielen und da die Frauen, die sich selbst in dieser Rolle sahen, nicht gelernt haben, authentisch sie selbst zu sein, müssen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit die Rolle der Frau übernehmen, die sie dann äußerlich sind: die er enttäuschten Mutter, der verhärmten Frau in den Wechseljahren oder einfach der älteren Dame. So werden aus „Püppis“ innerhalb weniger Monate „Muttis“ oder „Omis“.
Diese Egos werden nicht nur von den Menschen selbst produziert, sondern auch als soziale Rollen gelebt und bestätigt. Auch hier verhält es sich ähnlich wie mit dem spirituellen Ego-Begriff. Das Infragestellen der Ego-Rollen hat immer den Charakter von Tod und Verlußt. Wenn Püppi nicht mehr das liebe Töchterchen ist, dem man sagen kann, wer sie ist und was sie zu tun hat und wenn sie versucht, ihre eigene Identität zu finden, wird sie bestraft. Sie wird geächtet in der Familie und gemobbt in der Firma. Das Ego-Umfeld mag keine Ego-Rollenbrüche.
Aber es gibt auch die Funktion des permanenten Ego-Rollenwechsels. So sind wir einige Tage lang glühende Vertreter der neuesten Schlankheitsdiät, dann leben wir ein paar Monate als Anhänger eines buddhistischen Lehrers, haben daraufhin eine zündende Geschäftsidee um wenig später das verdiente Geld als langzeiturlaubender Hippie auf Gomera auszugeben. So tauschen sich die Identitäten aus und das Leben scheint eine Folge sich ablösender Egos zu sein. Ob nun als permanente Ego-Rolle oder als Folge fliegender Rollenwechsel: das psychische Ego ist Ausdruck der neurotischen Charakterstruktur.
Mit einer Ego-Rolle sollten wir uns ausführlicher beschäftigen: dem spirituellen Ego. Es tritt auf, sobald wir uns mit spirituellen Inhalten identifizieren und diese in unsere Rollenmuster einbauen. Am einfachsten zu identifizieren sind spirituelle Egos bei Vertretern religiöser Organisationen und deren Anhängern, ob nun in christlichen Mainstream-Kirchen oder in exotischen Sekten. Mancher Guru wie z.B. Osho scheint es geradezu darauf abgesehen zu haben, seinen Jüngern ein kräftiges spirituelles Ego zu verpassen, wenn die Sanyasins (Jünger) dazu gezwungen sind, ihre Kleidung in rot und orange zu tragen. Aber ich will mich nicht darüber mokieren. Ich bin selber immer wieder auf Sekten, Gurus und Führer hereingefallen und habe jedesmal ein spirituelles Ego entwickelt. Ich halte das für unvermeidlich. Denn es ist offenbar für die meisten Menschen notwendig, sich zu einer neuen Überzeugung zu stellen und zu bekennen, ob es nun das christliche Glaubensbekenntnis in Taufe und Kommunion ist, das buddhistische Zufluchtnehmen oder Sanyas zu nehmen. Es ist ein Ritual, sich von anderen Glaubensbekenntnissen (=Egos) freizusprechen. Ich habe diesen Schritt jedesmal ernst genommen und ihn „für immer“ getan, doch ich habe diese Egos nie länger als 10 Jahre durchgehalten.
Das spirituelle Ego ist ein wirkliches Problem für die geistige Entwicklung, weil hier die Erkenntnis wirkungsvoll blockiert wird. Das Ego übernimmt die Inhalte für sich selber, die der Gnosis, der direkten Gotteserkenntnis, vorbehalten sein müßten. Anstatt die Heiligkeit in sich selbst zu entdecken und aktiv werden zu lassen, agieren wir so, wir wir uns Heiligkeit vorstellen. Aber der Unterschied könnte nicht größer sein, weil es einmal die Göttlichkeit in uns ist die handelt und im anderen Fall das Ego. Hat das Ego diese Funktion einmal erreicht, können Konzepte wie Sünde, Hölle, Bruch von Gelübden und Schwüren etc. aufrechterhalten werden. Das Ego kann all die Angstfaktoren, die Drohungen und Strafen, die es für uns bereithält, auf die spirituelle Seite hinüberretten, vor allem die Vorstellung von Tod. Sobald wir es mit Geboten, Verboten, Gelübden und Feindbildern zu tun bekommen, legen wir den Grundstein für ein spirituelles Ego. Sobald wir eigene geistige Erkenntnisse haben und diese als „meine Erkenntnis“ einschätzen, sind wir im spirituellen Ego. Sobald wir glauben, daß wir anderen überlegen sind, weil wir Funktionen verstanden haben, die andere offenbar nicht verstanen haben, sind wir auf das spirituelle Ego hereingefallen.
Es ist mit Sicherheit unmöglich, dem spirituellen Ego zu entgehen. Wer ernsthaft nach geistiger Erkenntnis strebt, wird immer wieder darauf hereinfallen, sich auf der Ego-Ebene mit den spirituellen Inhalten zu identifizieren. Obwohl dies traurig ist und es sicher viel besser wäre und den Weg schneller machen würde, wenn es nicht geschähe – es ist einfach so und wenn wir die volle Erkenntnis hätten, bräuchten wir gar nicht mehr an uns zu arbeiten. Es ist also reine Dummheit, wenn wir meinen, wir dürften keine Fehler machen. Aber wir müssen bereit bleiben, Fehler zu erkennen und zu revidieren. Der eigentliche Fehler, das eigentliche spirituelle Ego besteht darin, sich dieser Fehlerquelle nicht bewußt zu sein. Das wirkliche, echte spirituelle Ego heißt daher: „Ich habe kein spirituelles Ego.“
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