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Einem verabredeten Signal des Patienten folgend, mit dem er seine Bereitschaft zum Beginn
der Behandlung signalisiert, beginnt der Behandelnde den Patienten aufzufordern, die
Atmung willkürlich zu vertiefen.
Die Inspirationsphase wird unter der Anweisung, Arme und Hände nach oben rotieren zu
lassen, verlängert und vertieft.
Besondere Aufmerksamkeit wird auf den oberen Bereich des Brustkorbs gelegt, da hier
die Atembewegungen bei der Mehrzahl der Patienten Der Patient liegt - wenn nicht
abweichend beschrieben - auf einer ebenen Unterlage in Rückenlage. Die Beine sind angewinkelt, die
Füße stehen flach und mit ausgewogener Druckverteilung zwischen Fußballen und Ferse ca. 30
cm auseinander, die Arme liegen rechtwinklig abgewinkelt vom Körper, die Hände ruhen auf
dem Handrücken , die Handinnenseite ist geöffnet.
Dem Patienten muß ausreichend Zeit gegeben werden, sich in räumlicher Distanz zum
Behandelnden in dieser Lage einzufinden und ein Gefühl für seine körperliche Integrität vor
Beginn verbaler oder körperlicher Intervention entwickeln zu können.
Jede körperliche Intervention des Behandelnden kann diese Integrität labilisieren,
gefährden, sogar zerstören. Da das Ich - Gefühl eines jedes Menschen in seiner
entwicklungsgeschichtlichen Grundlage aus Körperwahrnehmungen der Verbundenheit und Getrenntheit von der Mutter,
aus Gefühlen der Selbst- und der Fremdwahrnehmung, aus der Anwesenheit und dem
Vorhandensein schützender Umgebung oder dem Gefühl des Bedrohtseins durch die Wahrnehmung
fremder Objekte herausdifferenziert wurde, sind Manipulationen am Körper und die Veränderung
des "Hintergrundgefühls" der physischen Existenz bedrohlich für das Selbstgefühl des
Patienten. Aus diesem Grunde muß in dieser Phase ein Kommunikationssystem gemeinsam
aufgebaut werden, das dem Patienten ermöglicht,jede für ihn momentan zu invasive Berührung, jede
von ihm als zu bedrohlich empfundene Körperwahrnehmung unterbinden zu können.
Einem verabredeten Signal des Patienten folgend, mit dem er seine Bereitschaft zum Beginn
der Behandlung signalisiert, beginnt der Behandelnde den Patienten aufzufordern, die
Atmung willkürlich zu vertiefen.
Die Inspirationsphase wird unter der Anweisung, Arme und Hände nach oben rotieren zu
lassen, verlängert und vertieft.
Besondere Aufmerksamkeit wird auf den oberen Bereich des Brustkorbs gelegt, da hier
die Atembewegungen bei der Mehrzahl der Patienten eingeschränkt ist. Sollte eine verstärkte
Ausdehnung dieses Bereichs während tiefer Inspiration auch durch die angeleitete Bewegung
der Arme und Hände nicht erreicht werden, empfiehlt es sich, den Patienten gegen den
leichten Druck der auf das obere Brustbein aufgelegten Hand des Behandelnden einatmen zu lassen.
Durch diese Intervention kann der Patient die zunehmende Bewegungsfähigkeit des
oberen Brustbereichs analog einem kinästhetischem Feedback - Mechanismus wahrnehmen und
entwickeln. Oft weitet sich die Atmung nach dem Entfernen des leichten Drucks beträchtlich aus.
Physiologie der vertieften Inspiration:
Zur Vergrößerung des Innenraums des Brustkorbs und zur vermehrten Luftfüllung der
Lungen
werden folgende Muskeln bzw. Muskelgruppen kontrahiert :
- Zwerchfell :
vergrößert durch Abflachung seiner Kuppel den Längsdurchmesser des Brustkorbs und
bewirkt bei ruhiger Atmung die Bewegung von mehr als zwei Dritteln der in die Lunge
einströmenden Luft. Durch den Ansatz des Zwerchfells am Rand der unteren Rippen kommt es bei
ausgedehnter Zusammenziehung desselben zu einer Hebung der unteren Rippen.
- Zwischenrippenmuskulatur :
Auch die Kontraktion der Interkostalmuskeln (Mm. intercostales externi und Mm.
intercostales interni intercartilaginei) wirkt einatmungsvertiefend durch Hebung der Rippen.
- Zusätzliche Atemmuskulatur :
Unter verstärkter Einatmung, besonders bei angeleiteter vertiefter Inspiration in den
oberen Brustkorbbereich unter Hinzunahme der Rotation der Arme und Hände, kontrahieren sich
die Mm. scaleni, die an den unteren fünf Halswirbeln entspringen und durch ihren Ansatz am
Oberrand der ersten und zweiten Rippe den oberen Brustkorbbereich heben und fixieren.
- Der M. sternocleidomastoideus hebt bei seiner Kontraktion das Brustbein und vergrößert
ebenfalls den Durchmesser des oberen Thoraxbereiches.
Ohne inspiratorische Pause wird der Patient zu einer tiefen Ausatmung angeleitet, die von
einer Rotation der Arme und Hände nach hinten unterstützt wird. Im letztem Drittel der
Ausatmungsphase wird der Patient aufgefordert, zur Unterstützung einer tiefen Expiration die
Bauchmuskulatur leicht zu kontrahieren.
Physiologie der vertieften Expiration:
Bei ruhiger, unwillkürlich gesteuerter Atmung erfolgt die Ausatmung passiv durch
die Retraktionskraft der Lunge; vertiefte Atemarbeit geht mit der Innervation folgender
Muskeln bzw. Muskelgruppen einher :
- Bauchmuskulatur :
M. obliquus externus und internus, M. transversus abdominis und
- M.rectus abdominis : sie senken die unteren Rippen und führen zu einer Kompression
des Bauchinhalts.
- Darüberhinaus wirken als Rippensenker die Mm. intercostales interni.
Eine derart über mindestens fünf bis zehn Minuten vertiefte Atmung wirkt wie ein
Radarschirm in Bezug auf chronisch angespannte Zonen der Muskulatur :
Die mimische Muskulatur und die distalen Regionen der Extremitäten beginnen mit
Parästhesien und Verkrampfung zu reagieren. Diese Steigerung der neuromuskulären Erregbarkeit kann
sich in starker Form in schmerzhaften, meist symmetrisch aufretenden tonischen Muskelkrämpfen
in o.g. Bereichen äußern. Bei Auftreten der sogenannten "Pfötchenstellung" (Trousseau), d.h.
einer leichten Beugung in Hand- u. Fingergrundgelenken, Streckung der übrigen Fingergelenke
bei Anziehung des Daumens zur Handinnenfläche muß die vertiefte Atmung des Patienten
sofort normalisiert werden.
Durch kontinuierliche Arbeit mit der angeleiteten vertieften Atmung kann die zeitliche Dauer
bis zum Auftreten dieser sogenannten "Hyperventilationstetanie" beständig weiter
ausgedehnt werden; dies entspricht einer kontinuierlichen Erhöhung des für den Organismus des
Patienten ertragbaren Aufladungs-/Erregungsniveaus. In zahlreichen Fällen kann man mit der
Erlaubnis des Behandelten in fortgeschrittener Therapie durch das Erlebnis der dann erst nach
langanhaltender vertiefter Atmung auftretenden Spasmen "hindurchgehen", d.h. bei weiter
durchgeführter vermehrter Ventilation adaptiert sich der Organismus an die respiratorische Alkalose und
die Spasmen im Hand- u. Gesichtsbereich lösen sich unter angenehmen
Strömungsempfindungen
während der Atemarbeit auf. Kommt es bei einem Patienten sehr schnell zu den
beschriebenen Spasmen, so kann man durch willkürliche Imitation und Verstärkung der Erscheinungen
die Grenze zur Hyperventilationstetanie weiter ausdehnen.
Zu diesem Zwecke leitet man den Patienten an, beim Auftreten erster
Verkrampfungsgefühle oder Parästhesien in eine willkürliche Kontraktion der Beugemuskeln der Handinnenfläche
und der Finger überzugehen ("Krallenhand") und eine anhaltende starke Kontraktion der
Stirnmuskulatur verbunden mit einer kontinuierlichen Vorstreckung der Lippen ("Kußmund")
durchzuführen. Durch diese willkürliche Kontraktion der ansonsten durch die tetanischen
Spasmen betroffenen Muskelzonen können die unangenehmen Begleiteffekte der neuromuskulären
Übererregbarkeit stark vermindert oder ganz aufgehoben werden.
Nachdem in mehreren Behandlungsstunden das vom Organismus des Behandelten
tolerierbare Ladungs-/Erregungsniveau diagnostiziert werden kann, wird der Patient aufgefordert, die
Arme vor dem Körper parallel zu strecken, die Finger beider Hände vollständig zu strecken und
zu spreizen und die auf diese Weise geöffneten Handinnenflächen während der vertieften Atmung
in Abstand von ca. 10 cm zu halten. Weiterhin sollte das Becken aus der Ausgangsposition
heraus leicht (!) angehoben werden, die Belastung des Fußes sollte an den Fußballen stärker als an
der Ferse ausgeprägt werden.
Ist eine ausreichende Ladung des Körpers durch die vertiefte Atmung erreicht worden,
setzen Vibrationen in der gesamten Oberschenkelmuskulatur ein, die zunächst im
Adduktorenbereich am ausgeprägtesten erscheinen.
Viele Menschen reagieren auf das Einsetzen dieser unwillkürlichen Körperprozesse zunächst
mit Angst, eine unterstützende Haltung des Behandelnden und die Versicherung, daß diese
Vorgänge wenn dies der Patient wünscht, jederzeit durch Intervention gestoppt werden können, ist
daher notwendig.
Nachdem die Vibrationen zunächst am stärksten während der Ausatmungsphase zu spüren
und zu sehen sind, kommt es nach wiederholtem Erleben dieses Prozesses zu einer konstanten,
d.h. während des gesamten Atmungszyklus andauernden Vibration im gesamten Ober- u.
Unterschenkelbereich, die vom Patienten zunehmend als angenehm empfunden wird. Läßt man
den Behandelten nach bis zu fünfzehnminütigem Verweilen in diesem Prozeß die Arme senken
und das Becken wieder ablegen, so treten intensive Strömungs- und Wärmeempfindungen im
Bereich der Lendenwirbelsäule, des tiefen Beckenbodens, der Ober- und Unterschenkel und der Füße auf.
Jede ausgeprägtere faszikuläre Zuckung der Muskulatur im Bereich des Beckens oder der
unteren Extremität sollte während dieser Phase der Atmungsarbeit vorsichtig unterdrückt werden,
da diese Zuckungen vorzeitige Ladungsabfuhr und das Unvermögen des Organismus,
höhere Ladungsniveaus zu tolerieren, signalisieren.
Das Hauptziel der Arbeit mit diesen vertieften Atmungszyklen ist, die gesamte
oberflächliche Muskulatur in gleichmäßige, hochfrequente, sichtbare und vom Behandelten spürbare
(!) Vibrationen zu bringen, so daß ein ausgeglichenes Spannungs- und Ladungsgeschehen von
den Adduktoren, den M. rectus abdominis mit Ausbreitung über den M. pectorales bis hin
zum Platysma und den M. occipitalis, erreicht wird.
Der Behandelte wird dazu angeleitet, selektiv Muskelgruppen am ganzen Körper und im
Bereich der mimischen Muskulatur anzuspannen, während die Atmungsarbeit kontinuierlich
vertieft wird. Strömungs- und Wärmeempfindungen, die einen guten subjektiven Indikator für die
Herstellung der biologischen Pulsation darstellen, erfassen hiermit einhergehend den
gesamten Organismus des Patienten.
- Ist eine derartige Ausbalancierung des bioenergetischen Systems des Patienten erreicht
worden,
so zeigen sich ohne weitere Intervention des Behandelnden rhythmische Zuckungen, die
zunächst von der Muskulatur der Oberschenkel ausgehen und im Verlauf der weiteren Therapie
die recto- abdominelle Muskulatur erreichen.
Diese Zuckungen prägen sich weiter aus, bis sich das gesamte Becken im Rhythmus
dieser Schwingungen bewegt.
Mit der Ausbreitung dieser Schwingungen und Pulsationen zum Zwerchfell- und
unterem Brustkorbbereich kommt es bei vielen Patienten zu einem vorübergehend als bedrohlich
wahrgenommenen Gefühl des partiellen oder vollständigen Kontrollverlustes. Aus diesem Grunde
ist während des Prozesses der Ausbreitung dieser Zuckungen große Aufmerksamkeit auf die
psychische Präsenz des Patienten zu legen.
An somatischen Nebenerscheinungen kann es zu Übelkeit und Würgereflexen, Angina
pectoris Anfällen ähnelnden Beklemmungsempfindungen am Herzen und spasmusartigen
Verkrampfungen der Halsmuskulatur kommen.
Diese Phänomene, die auf Erregungen vegetativer Strukturen beruhen, verschwinden mit
der Ausbreitung der Schwingungen auf den Bereich des oberen Brustkorbes und des Hals-
und Kopfbereiches.
Die Bahnung der Energieströme in den Hals erfolgt unter Verwendung der beidseitigen
Druckpunkte am Sternoclavikulargelenk und im am Sternum angrenzendem Raum zwischen
zweiter und dritter Rippe.
Ist der Erregungsstrom über das Platysma gebahnt worden, setzen feine periorale Zuckungen
und Vibrationen zumeist am ausgeprägtesten im Bereich der Unterlippe ein. Durch feine
Streichbewegungen aus der Gesichtsmitte heraus nach außen kann dieses Flimmern der
mimischen Muskultur langsam weiter cranial gebahnt werden.
Ist die Ausbalancierung dieses Geschehens über den ganzen Körper erreicht, bietet sich
dem Behandelnden das Bild einer durch den ganzen Körper des Patienten gehenden Schwingung:
Während jeder Einatmung geht vollkommen unwillkürlich der Kopf leicht nach vorne,
das Becken bewegt sich leicht nach hinten, um dann bei jeder Ausatmung vom Boden
abzuheben, während der Kopf sich leicht nach hinten neigt.
Diese Schwingung wird anfänglich immer wieder von Faszikulationen und Vibrationen
im Bereich der Oberschenkelmuskulatur, zeitweilig auch der mimischen, insbesondere der
perioralen Muskulatur, durchbrochen und gestoppt, um aus diesen Entladungsvorgängen heraus
immer wieder herausgebildet zu werden. Es bietet sich hier dem Betrachter ein eindrucksvolles Bild
der Selbstregulation und ab dieser Stufe auch der Selbstorganisation vegetativer und
energetischer Prozesse im menschlichen Organismen :
Aufschaukeln der Ladung (charge) während der Phase der den ganzen Organismus
durchwirkenden Schwingungen, Entladung (discharge) der überschüssigen oder zu diesem
Zeitpunkt vom Organismus nicht mehr tolerierbaren Energie durch das neuromuskuläre Vibrieren
und Faszikulieren.
Orgon-/ Vegetotherapie und plasmatische Pulsationsarbeit erweitern das Ziel der
psychosomatisch orientierten Psychotherapien um einen mehr im physischen Bereich liegenden
Faktor. David Boadella formuliert das Ziel der Therapie in folgenden Worten: "Vegetotherapie hat
die Aufgabe, die, wie Reich es nannte, "vegetative Beweglichkeit" des Patienten herzustellen.
Eines der deutlichsten Anzeichen für das Gelingen dieser Absicht ist das Einsetzen von
"Strömungsempfindungen", ausgelöst durch die Freisetzung von Energie aus den muskulären
Spannungsknoten. In dem Maß, wie die Patienten ihre körperlichen Verkrampfungen zu beseitigen
vermögen, wie ihre Atmung freier wird, nimmt ihre Fähigkeit zu, sich spontanen und
unwillkürlichen
Bewegungsimpulsen hinzugeben. Schritt für Schritt beginnen die verschiedenen
Wärme-, Prickel- und Schauerempfindungen der Haut und der peripheren Muskulatur von Rumpf
und Gliedmaßen sich zu einer konvulsivischen Reflexbewegung des gesamten Körpers zu
verbinden, bei der sich das Rückgrat in unwillkürlichen klonischen Zuckungen krümmt und dehnt. In
seiner Ganzheit betrachtet, scheint der Körper sich wie pulsierend zusammenzuziehen und zu
strecken. Weil diese Bewegung große Ähnlichkeit mit den Zuckungen des Körpers beim Orgasmus
besitzt, nannte Reich sie den "Orgasmusreflex". Jedoch sind die unwillkürlichen Zuckungen beim
Orgasmus nur ein Ausdruck dieser fundamentalen Fähigkeit des Körpers zu biologischer
Pulsation. Andere Äußerungen dieser Grundfunktion lustvoller Energieentladung sind die
konvulsivischen Bewegungen des Fötus oder die klonischen Zuckungen, die man bei einem saugenden
Kleinkind beobachten kann"(David Boadella, "Wilhelm Reich",S.124, München 1981).
"Das Lebendige funktioniert autonom, jenseits des Bereiches von Sprache, Intellekt und
Willkür. es funktioniert nach bestimmten Naturgesetzen, die wir hier zu erforschen haben. Der
Orgasmusreflex ist mitsamt seinem Gebärdenausdruck der Hingabe, wie es sich bald zeigen wird,
der Schlüssel zum Verständnis von fundamentalen
Naturprozessen, die weit über das
Individuum und sogar über das Lebendige hinausführen." (Reich, "Charakteranalyse, S. 369, Köln 1970)
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