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Kapitel 19 des Buches
"Wie man den Verstand verliert"
von Jürgen Fischer
veröffentlicht auf www.orgon.de
Hör nochmal zu,
kleiner Mann
1946 hat ein großer Mann - Wilhelm Reich - einen
Text geschrieben, in dem er dich direkt angesprochen hat.
Die Rede an den kleinen Mann wurde 1947 in englisch unter dem
Titel Listen Little Man veröffentlicht. Es war die emotionelle
Reaktion Reichs auf die vielen Verletzungen und
Demütigungen, denen er sich ausgesetzt sah.
Es war das Ergebnis der inneren Stürme eines Naturforschers
und Arztes, der jahrzehntelang zunächst mit Naivität, dann mit
Staunen und schließlich mit Entsetzen erlebte, was der kleine Mann
aus dem Volke sich selbst antut; wie er leidet, rebelliert, seine
Feinde verehrt und seine Freunde mordet; ... Die `Rede' war die
stille Antwort auf Geschwätz und Diffamierung.
(Wilhelm Reich, Rede an den kleinen Mann, S. 3)
Nun spreche ich zu dir, kleiner Mann*, denn die Rede,
die Reich an dich vor 62 Jahren richtete, ist heute immer noch
so aktuell wie damals. Er konnte 1947 nicht ahnen, dass die
Kampagne, die du damals gestartet hast, sein Ende sein würde:
du hast seine Forschungen verfälscht, seine Bücher
verbrannt, alle seine Geräte zerschlagen und schließlich ihn selber
unter einem formalen Vorwand ins Gefängnis geworfen. Er
starb im Gefängnis an gebrochenem Herzen. Du hast ihm das
Herz gebrochen. Es geschah eine Woche, bevor er entlassen
werden sollte.
* Das, was ich dir hier sagen werde, ist hart, es ist die ungeschminkte Wahrheit über
dich, den kleinen Mann. Aber ich möchte, dass du verstehst, dass ich hier keine Schuld"
verteilen will. Es geht nicht um Schuld oder Strafe oder Reue. Es geht um Wissen. Denn der
Mensch, der dies liest, ist viel, viel mehr als dieses reduzierte Bild von einem Menschen, das sich
aus der Identifikation mit dem Verstand ergibt. Der kleine Mann" ist nur dieser Teil, der
nicht versteht, dass jeder Mensch das Universum ist, das sich seiner selbst bewusst wird.
Jeder Mensch ist schon das Ganze, voller Schönheit, Würde, Güte; jeder Mensch trägt den
göttlichen Glanz in die Welt. Und das ist schon so, es ist keine Möglichkeit, die irgendwann in
der Zukunft erreicht werden könnte. Wenn du - du, der das hier liest - das nicht weißt und
als tiefe Wahrheit fühlst und lebst, dann deshalb, weil du dem kleinen Mann" in dir glaubst
und dich mit ihm identifizierst. Und mit diesem kleinen Mann rede ich jetzt.
Ich bin nicht dafür verantwortlich", sagst du? Doch,
das bist du, denn dieses du", das dies hier liest, ist kein
einzelner Mensch. Du bist identifiziert mit dem Ego, dem Netzwerk
aus Identifikation mit Form, mit Dingen, mit Gedanken. Du
bist das Ego, das die Weltherrschaft übernommen hat. Jeder
Mensch, der sich mit dem Ego identifiziert, ist Teil dieses
Netzwerkes und ist gleichzeitig das ganze.
Es gibt diverse Weltverschwörungstheorien, die
behaupten, wir werden von dunklen Mächten beherrscht, von
den Illuminaten, den Rockefellers, den Skulls oder einer
Clique von Kapitalisten. Mach dir nichts vor, kleiner Mann. Du
bist es selber. Es ist keine Verschwörung nötig, um dich zu
beherrschen und zu unterdrücken. Du bist an der Macht,
und du benutzt diese Macht schlecht, denn du benutzt sie,
dich selber auszubeuten und andere kleine Männer zu vernichten.
Alleine im letzten Jahrhundert hast du über 150
Millionen Menschen umgebracht, in Kriegen und
Massenvernichtungen. Du hast Kinder in Lagern vergast, Atombomben auf
schlafende Großstädte geworfen. Du hast Menschen
umgebracht, weil sie schwarz oder weiß waren, weil sie dem Stamm
der Hutu oder Tutsi angehörten oder weil sie östlich oder
westlich der Elbe lebten. Das ist Wahnsinn, dein Wahnsinn,
kleiner Mann.
Und wenn ich kleiner Mann" sage, meine ich auch
dich, kleine Frau. Du wirst zwar von kleinen Männern
unterdrückt, aber deine Söhne erziehst du so, dass auch ihnen nichts
anderes übrig bleibt, als ihre Frauen und Töchter wieder
genauso schlecht zu behandeln. Du bist genauso ein Teil dieses
Systems kleiner Männer und Frauen. Es sind kleine Frauen,
die lebendigen kleinen Mädchen unter unsäglichen
Schmerzen auch heute noch die Klitoris abschneiden und die
Scheide zunähen um sie auch zu kleinen Frauen zu machen.
Ich bin trotzdem nicht dafür verantwortlich, ich bin
strikt gegen solche unmenschliche archaische Riten", sagst du.
Ich will dir beweisen, dass du verantwortlich bist, denn ich
kenne dich, weil ich mich kenne. In mir ist auch ein kleiner
Mann. Aber ich habe ihn erkannt und er stirbt. Denn ich nehme
ihm seine Lebensgrundlage: nicht erkannt zu werden.
Das Erkanntwerden ist sein Ende.
Tausenden von kleinen Jungen - in den USA über
50% der Neugeborenen Jungen - wird auch heute noch die
Vorhaut abgeschnitten - unter fadenscheinigen religiösen
Gründen. Denkst du, das Ritual ist nicht so grausam wie das
der Mädchenbeschneidung? Dann sieh dir bei YouTube
Filme über circumcision" an. Hör die gellenden
Schmerzensschreie der kleinen Jungen, wenn diese Amputation ohne
Narkose an dem am Baby-OP-Tisch festgeschnallten Kind
zelebriert wird. Es gibt immer noch kleine Ärzte, die
scheinmedizinische Gründe für dieses unmenschliche archaische Ritual"
finden. Der Unterschied zur Mädchenbeschneidung, die immer
noch vor allen in Afrika durchgeführt wird, ist zwar erheblich,
aber der Zweck ist derselbe: die Kinder sollen sich nicht
selber befriedigen können, sie dürfen keine Lust in ihren
Lenden spüren. Und wenn, sollen sie Schmerzen dabei
empfinden, wenn das empfindlichste und sensibelste Körperteil, das
nur für die Lustentfaltung da ist, ungeschützt an der groben
Hose reibt. Es wird dann unsensibel, weil die feine Haut der
Eichel verhärtet. Um zu Onanieren braucht der Junge nun
Spucke oder Gleitcreme und das geht nicht mal eben so nebenbei
im Autobus. Prüderie in ihrer abscheulichsten Form ist der
einzige Grund dafür. Du weißt das, der Rabbi weiß das und
alle Gäste auf der Beschneidungsfeier wissen das. Aber du,
kleiner Mann, der du gegen unmenschliche archaische
Riten" bist, gehst als Gast auf diese Feier und wirst nichts
dagegen sagen, denn man könnte dich ja für einen Antisemiten
halten.
Kannst du dir Vorstellen, kleiner Mann, dass dieser
Ritus vor langer Zeit eingeführt wurde, um die Beschneidung
der Mädchen zu rechtfertigen unter dem Vorwand: alle
Kinder werden beschnitten?
Jahrtausendelang hast du deine männlichen Sklaven
kastriert. Ich bin strikt gegen Sklaverei", höre ich dich
sagen. Bist du schon einmal in einer Bar gewesen und hast die
Mädchen lüstern angesehen, die für dich nackt an einer
Stange oder in einem Käfig tanzen? Und wenn du dir das nicht
leisten kannst oder wenn du das moralisch ablehnst, hast
du deinen Chef oder deinen Geschäftspartner dafür
kritisiert, dass er in solche Bars geht? Und wer bezahlt die vielen
Sexsklavinnen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen
in Bordells arbeiten? Du bist es, kleiner Mann. Und wer
meint, sich unter solch unwürdigen Bedingungen verkaufen zu
müssen? Das bist du, kleine Frau.
Kaufst du billige Baumwollhemden aus Indien oder
schicke billige Sneakers aus China? Freust du dich, dass dein
DVD-Rekorder nur 29,- Euro gekostet hat? Wie glaubst du,
kommen diese Billig-Produkte zustande? Du sagst, du bist gegen
Sklaverei und Kinderarbeit. Nein, kleiner Mann, du weigerst dich
nur, hinzusehen. Du bist dagegen, dir einzugestehen, dass
Millionen Sklaven für dich arbeiten.
Ich sage dir ein Geheimnis, das du nicht hören willst:
du bist für alles verantwortlich, was in deinem Bewusstsein
auftaucht. Mach die Tagesschau an: alles, was du da siehst,
hast du gemacht. Nicht zu einem Teil von 1 zu 6,8
Milliarden, sondern zu 100%. Ich weiß, dass du das nicht glaubst. Es
ist dennoch wahr. Mir ist egal, was du glaubst, denn ich will
dir keinen Glauben geben. Ich will von Tatsachen reden und
du kannst sie erkennen oder auch nicht. Wenn du die
Augen verschließen willst, kannst du das tun und noch eine
weitere Runde durch das Leiden drehen. Du wirst so lange leiden,
bis du die Verantwortung übernehmen willst - freiwillig. Du
hast die Augen so lange zugemacht - jahrtausendelang - und
du hast dein Recht auf Leiden bisher erfolgreich verteidigt.
Ist es nicht Zeit, damit Schluss zu machen?
Vor 2600 Jahren hat ein großer Mann dich entdeckt
und zum ersten Mal erfolgreich besiegt. Die Botschaft war so
einfach: in dir ist ein großer Mann, jeder Mensch ist bereits
vollständig erleuchtet, du weigerst dich nur, das zu erkennen.
Er hat dir detailliert beschrieben, wie das Leiden
funktioniert und wie du es beenden kannst. Du brauchtest noch
nicht einmal etwas Besonderes zu tun: nur zuhören und verstehen.
Was hast du aus dieser Botschaft gemacht, kleiner
Mann? Du hast eine Religion daraus gemacht und die Asche des
großen Mannes als Reliquien verehrt. Du hast ein System
von sinnlosen Übungen geschaffen, um dein Karma zu
reinigen" und dir eingeredet, dass du nur soundso viele
Leben hindurch diese Übungen zu machen brauchst, um dann
endlich so viel Verdienst angesammelt" zu haben, dass du
dir das Recht auf Erleuchtung erworben hast. Alle anderen
landen in der Hölle oder werden als Geister oder Tiere
wiedergeboren. Du bist betrogen worden, kleiner Mann. Es
funktioniert nicht. Du bist in der Zukunft nicht mehr oder
weniger erleuchtet als heute.
Ich sage dir noch ein Geheimnis, kleiner Mann, das
du sicher auch nicht hören möchtest: es gibt keine Zukunft.
Es gibt auch keine Vergangenheit. Und das ist keine
philosophische Spielerei, sondern bittere und süße Wahrheit: Erst
wenn du das weißt, weil du es selber erlebst, bist du kein
kleiner Mann mehr.
Mit einem anderen großen Mann, der dir vor 2000
Jahren gesagt hat, dass du selber göttlich bist und dass du das
Himmelreich auf Erden verwirklichen kannst - nicht in einer
imaginären Zukunft, sondern heute - bist du schlecht
umgegangen: du hast ihn gefoltert und an einem Holzkreuz
verrecken lassen, weil du seine Botschaft nicht hören wolltest.
Dann hast du daraus wieder eine Religion gemacht und die
Splitter seines Kreuzes als Reliquien verehrt. Du hast ein System
von sinnlosen Übungen geschaffen und Ablassbriefe"
verkauft, um die Seele von der Sünde zu reinigen und dir von
anderen kleinen Männern einreden lassen, dass du nach dem Tod
im Fegfeuer geläutert wirst und irgendwann mit allen
Gläubigen wieder zum ewigen Leben erweckt wirst. Alle anderen
landen in der Hölle. Du hast Millionen Menschen in
Gottes Namen umgebracht, um sie mit Gewalt zu bekehren
und seine Botschaft der Liebe in ihr Gegenteil verkehrt: du
hast dafür gesorgt, dass deine Kinder nicht in der Lage sind,
die Liebe in ihren Körpern ohne Schuldgefühle zu erleben.
Den Mord an Christus wiederholst du in jedem Kind, das du
kritisierst, demütigst, schlägst oder missachtest, weil du
glaubst, dass du als Erwachsener mehr Rechte hast, als ein Kind.
Du bist von deinen Eltern und anderen kleinen
Männern zum Krüppel gemacht worden und tust dasselbe mit
deinen Kindern. Die Methoden ändern sich, die Wirkung bleibt
dieselbe: heute verkrüppelst du sie mit Pornofilmen, die sie
mit ihren Handys austauschen, mit Desinteresse und
emotioneller Verwahrlosung, mit Flatrate-Saufereien, mit sinnlosem
Leistungsdruck und du suggerierst ihnen, dass sie etwas
Besonderes sind, wenn sie Markenklamotten tragen.
Ich will dir noch ein Geheimnis verraten: es gibt dich
nicht. Du bist ein Papierdrache", ein lächerlich aufgeblasenes
Konstrukt aus Gedanken, das in den Köpfen aller Menschen
existiert, die an dich glauben. Und ich weiß auch, wo du bist:
du sitzt in einem erdnussgroßen Teil des Gehirns in der
oberen linken Gehirnhälfte, im Sprachzentrum. Dort machst du
Geschichten. Du denkst dir Storys aus und der Mensch, in
dem du dich versteckst, glaubt dann, er sei du, er glaubt an
die Story, die du ihm zuflüsterst. Du machst deinen
Menschen zu einem kleinen Mann. Eine große Frau, Jill Bolte
Taylor, hat das zufällig entdeckt, als genau dieser Teil ihres Gehirn
in einem Schlaganfall zeitweilig außer Funktion gesetzt wurde.
Kennst du die Fernsehserie Stargate"? Wenn nicht,
dann sieh' sie dir an. Darin kämpfen die Menschen mit
den Goa'Ulds". Das sind reptilienähnliche Larven, die sich
im Menschen einnisten. Dieser Mensch, der Wirt" lebt
dann die Persönlichkeit des Goa'Uld und muss ohnmächtig
zusehen, was mit ihm geschieht. Die Goa'Ulds sind
grausam, machtgierig, inhuman - und sie lassen sich als Götter
verehren. Du bist ein Goa'Uld, kleiner Mann, der Mensch, in
dem du dich eingenistet hat, ist besessen von einer solchen
Larve, ohne es zu wissen. Sie sitzt in seinem Sprachzentrum
und denkt, er sei es selber, der denkt, spricht und handelt. So
naiv und banal diese Fernsehserie auch sein mag - hier wird
die Wahrheit über das Wesen des Ego als modernes
Märchen dargestellt.
Die Geschichten, die du dir ausdenkst, sind komplex.
Sie umfassen deine Lebensspanne, die du dir als dein
Leben" denkst. Sie umfassen auch die Geschichte deines Landes
und dann denkst du, du seiest ein Deutscher, ein Russe oder
ein Iraker. Sie umfassen deine Rasse und du denkst, du seiest
ein Weißer, ein Schwarzer oder ein Chinese. Du denkst, du
bist Christ, Moslem oder Buddhist. Du denkst, du seiest
Rechtsanwalt oder Gewerkschaftssekretär oder SPD-Mitglied.
Und all diese Geschichten, die du glaubst, füllst du mit
Rollenspielen aus. Du handelst so, als wären diese Geschichten
real. Und du gibst das wertvollste, was du hast, für diese
banalen Geschichten her: dein Leben, dein wirkliches Leben. Die
Geschichten, die du zelebrierst, sind noch banaler als die
Fernsehserien, die du dir ansiehst.
Weil es dich nicht wirklich gibt, musst du deine
Existenz ständig beweisen. Du hast Angst, kleiner Mann,
fürchterliche Angst, dass das herauskommen könnte. Du fühlst dich
schrecklich alleine, denn obwohl du dich mit dem großen
Weltego identifizierst, fühlst du, dass es dich nicht wirklich gibt. Du
bist ganz alleine dem riesigen Kosmos ausgeliefert. Was fühlst
du, wenn du dir überlegst, wie groß diese Erde ist, auf der
neben dir fast sieben weitere Milliarden kleine Männer und
Frauen leben? Was fühlst du angesichts der unendlichen Weite
des Weltalls, dem du gegenüberstehst - ganz alleine? Du bist
getrennt von all dem und kämpfst an deinem Platz um dein
Leben, lernst einen Beruf, suchst dir einen Partner, ziehst
Kinder auf und wirst immer älter. Ist das alles, ist das wirklich alles,
was du willst?
Weil du so schrecklich alleine bist und Angst hast,
scharst du einige Menschen um dich, andere kleine Männer und
ihr nennt euch wir". Es ist deine Familie, deine Freunde -
vielleicht 10, 20 oder 30 Menschen. Dann gehst du in einen
Verein, damit dieses wir" größer wird. Und um zu
beweisen, dass es dich gibt, schaffst du dir Feinde. Feinde sind dir
wichtig, sie gehören zu deiner Geschichte. Es sind einige
Menschen dabei, mit denen du Streit hast. Aber es sind vor
allem andere kleine Männer, die du überhaupt nicht kennst.
Wenn du konservativ bist, sind es die Roten". Wenn du ein
Gewerkschafter bist, sind es die Bosse". Wenn du
Deutscher bist, sind es die Islamisten" oder die Terroristen". Die
Feinde sind austauschbar: vor 100 Jahren waren es die
Franzosen", vor 50 Jahren die Sowjets". Verachtest du noch die
Pollacken"? Sie sind in der EU und in 20 Jahren wird
niemand mehr auf die Idee kommen, dass uns die Flut aus dem
Osten" überrollen könnte. Vielleicht wollen dann die Deutschen
nach Polen auswandern.
Wie machst du diese Feinde? Du gibst ihnen Namen,
die sie entmenschlichen: du nanntest sie vor 65 Jahren noch
Untermenschen" und hast zugesehen, wie deine Nachbarn
ins Todeslager abtransportiert wurden. Du hast dir
eingeredet, sie würden nur umgesiedelt" und dann hast du dir ihre
schicke Wohnung, ihre Möbel und ihre Firma zu einem
Spottpreis unter den Nagel gerissen. Aber du machst es auch in
deinem persönlichen Umfeld: Du nennst deine Frau eine Hure,
weil sie sich in einen anderen Mann verliebt hat und nimmst
deinen Kindern die Mutter. Du machst deinen Mitmenschen
zu einer Schablone, einem leblosen Ding, indem du ihm
Namen gibst, weil du ihn dann als ein Ding bekämpfen
kannst. Einem Verräter, einem Kriminellen, einem Lügner, einer
Hure, einem Scheisskerl darfst du alles nehmen, weil er es
verdient hat, schlecht behandelt zu werden. Er ist ein Ding,
kein Mensch. So denkst du, kleiner Mann.
Weil du trotzdem weißt, was unrecht ist und was
nicht, weil du ahnst, dass deine ausgedachte Existenz klein und
unbedeutend ist, weil du fühlst, dass es dich gar nicht gibt,
machst du dich größer als du bist. Du kaufst dir ein besseres Auto
als dein Nachbar - bis der dasselbe tut, dann ärgerst du
dich. Weil du anderen kleinen Männern zeigen willst, wie
wichtig du bist, besorgst du dir einen Titel und nennst dich
Prof. Dr." und gründest ein Institut mit einem sehr
gewichtigen, wissenschaftlich klingenden Namen.
Du machst Karriere" kleiner Mann. Du glaubst,
immer besser, reicher, schlauer als andere sein zu müssen. Du
vergleichst dich mit anderen, weil du dich dann größer
fühlst. Das hält nur für kurze Zeit an. Dann brauchst du
wieder etwas Neues, um dich aufzuwerten. Und wenn das nicht
funktionierst, fühlst du dich kleiner, schlechter,
minderwertiger als andere kleine Männer. Doch auch damit kannst du
dich hervortun. Du beklagst dich dann. Sich beklagen ist dir
eine wichtige Tätigkeit. Denn wenn du dich beklagst, bist
immer du im Recht, die anderen sind im Unrecht. Selbst das
Wetter ist im Unrecht, wenn du dich darüber beklagst.
Dein Leben gefällt dir nicht, kleiner Mann. Deshalb
gibt es immer etwas, was du erreichen willst. Und so geht
das meiste deiner Kraft dafür drauf, die Zukunft zu planen.
Du glaubst, wenn dies oder das geschieht, wird es dir besser
gehen. Doch wenn du es vielleicht tatsächlich erreicht hast,
planst du schon wieder die Zukunft, denn das Erreichte genügt
dir nie. Ich sagte dir schon: es gibt keine Zukunft. Du lebst
immer jetzt. Doch das Jetzt kannst du nicht fühlen. Du
glaubst, der Sinn des Lebens läge in den kurzen Momenten der
Erfüllung deiner Wünsche: wenn du Sex hast, wenn du einen
Geschäftsabschluss gemacht hast, wenn du Urlaub hast. Das
ist nicht das Jetzt. Das ist die Bestätigung des Ego. Das sind
die Momente, in denen der kleine Mann glaubt, ein Stück
gewachsen zu sein. Ich sage dir noch etwas: mit jeder
dieser Bestätigungen schiebst du die Erkenntnis, wer du
wirklich bist, ein Stück weiter von dir weg. Sie sind das Gift, mit
dem das Ego dich ködert.
Die Geschichten, die du dir ausdenkst, wiederholst du
ununterbrochen in deinem Kopf. Du bist wie die alten
verrückten Männer, die an der Bushaltestelle stehen und mit
sich selber sprechen. Du tust genau dasselbe, du tust es nur
leise, kleiner Mann. Du sagst: Was ich denke, geht keinen
etwas an." Doch, kleiner Mann. Dich und mich geht es etwas
an. Mit diesem Geplapper fütterst du dein Ego. Es ist das
Zwiegespräch, das dein Goa'Uld in dir mit dir führt. Die
Fähigkeit zu denken ist eine schöne Sache, sie ist die Eigenschaft,
die das Menschentier zum Herrscher über diesen Planeten
gemacht hat. Aber es hat sich längst verselbständigt. Was ist
die Weltbank, die Internationalen Konzerne, was ist der
Präsident der USA, was ist die Bundesrepublik Deutschland,
was ist Geld, Schulden, das Internet? Das sind alles nur
Gedanken. Gemeinsame Gedanken, die so mächtig wurden, das
alle kleinen Männer sie für die Realität" halten.
Die Realität, kleiner Mann, das ist die Amsel, die
gerade vor deinem Fenster singt, das ist die Bewegung deiner
Augen, wenn du dies liest, das Gewicht deines Hinterns
auf dem Stuhl, auf dem du sitzt. Das alles und viel mehr ist
das Leben, das du jetzt lebst. Vor allem ist es die
Lebensenergie, die in dir und in deinen Kindern pulsiert. Doch dir ist
das nicht wichtig. Du denkst daran, was du deiner Tochter
sagen wirst, weil sie wieder zu spät nach Hause kommt. Du
denkst daran, was deine Kollegin gestern gesagt hat, was dich
schrecklich geärgert hat und was du ihr morgen deswegen
erwidern wirst.
Du weißt nicht, was dein Leben ist, deshalb denkst du
dir eines aus. Weißt du wie Hypnose funktioniert? Es ist
ganz einfach: jemand, der weiß, wie du funktionierst, führt
dich ganz einfach in einen kurzen gedankenfreien
Augenblick. Dann übernimmt er die Rolle deines Goa'Ulds: er
suggeriert dir nun seine Gedanken. Und weil du das gewohnt bist,
fällt dir in dieser Situation überhaupt nicht auf, dass das, was
gesagt wird, nicht mehr aus deinem Kopf kommt, sondern
vom Hypnotiseur. Nun, da du es gewohnt bist, kritiklos zu
tun, was diese Stimme von dir will, gehorchst du. Die Stimme
sagt dir, dass du ab sofort die Zahl fünf" nicht mehr kennst
und du zählst: eins, zwei, drei vier, sechs, sieben..." Auch
nach der Hypnose. Dir fällt noch nicht einmal auf, dass du
die Zahl fünf nicht mehr kennst und wenn dich jemand
fragt, wie viele Finger du an deiner Hand hast, wirst du sechs
Finger an jeder Hand haben. Diese Übung funktioniert mit
fast allen Menschen. Kannst du dir nun vorstellen, was das
Geplapper in deinem Kopf mit deinem Leben macht?
Dein Leben ist eine ausgedachte Geschichte, an die du glaubst.
Und wenn der Hypnotiseur seine Arbeit gut kann, ist es
durchaus möglich, dir eine komplette neue Geschichte zu
suggerieren, an die du glaubst - bis dein eigener Goa'Uld wieder mit
seiner alten Story die Macht an sich gerissen hat.
Das ist deine Freiheit, auf die du so gerne pochst, an
die du dich klammerst, an die du glaubst. Deine Freiheit sind
die Gedanken, die andere kleine Männer dir schon längst
vorgedacht haben.
Du sagst empört: aber ich bin eine eigenständige
Person. Weißt du, was der Begriff persona" bedeutet? Er
bezeichnet die Maske der Schauspieler, die im alten Rom
auftraten. Deine Persönlichkeit ist eine Maske, hinter der sich dein
Leben verbirgt.
Weil du dich so unvollkommen fühlst, identifizierst du
dich mit Dingen, die du als mein Ding" bezeichnest. Nimm
einen kleinen Kind ein Spielzeug weg, das es als mein
Spielzeug" angenommen hat und du erlebst, wie stark diese
Identifikation schon ist. Es brüllt vor Schmerzen, denn es
fühlt den Verlust so, als würde ihm ein Glied vom Körper
abgeschnitten. Später ist es meine Frau", mein Haus" aber
auch meine Meinung", mein Glaube", denn auch Gedanken
sind Dinge. Wie oft hast du dich schon gestritten, weil
jemand deine Überzeugung angegriffen hat? Oder du hast dich
beleidigt zurückgezogen, aber nur, weil du Angst hattest, du
würdest im Streit unterliegen. Du glaubst, diese Dinge sind
ein Teil von dir, kleiner Mann, deshalb versuchst du, so viel
zusammenzuraffen, wie es dir nur möglich ist. Und immer
wieder glaubst du: wenn du dies oder jenes bekommst,
dann wird es mir gut gehen, dann bin ich größer, wichtiger,
wertvoller. Dann werde ich endlich meine Angst verlieren,
denkst du, kleiner Mann.
Doch auch die Zukunft macht dir Angst, kleiner
Mann. Vielleicht werden die Dinge weniger, vielleicht verlierst
du dein Haus, deine Frau, dein Ansehen. Und dann? Du
weißt, irgendwann wird die Zukunft dich vernichten. Du wirst
mit Sicherheit sterben. Morgen, in drei Monaten oder in
fünfzig Jahren. Dann bist du alles los, denn all die schönen
Dinge kannst du nicht mitnehmen. Du wirst so nackt gehen wie
du gekommen bist, ja mehr noch, denn der Körper, mit dem
du dich identifiziert hast, wird dir auch noch genommen.
Auch er ist eines der Dinge, die du besitzt". Ich habe einen
Körper" sagst du und du glaubst tatsächlich, dass der Körper
das ist, was unten an dir herunterhängt. Das ist nur dann
richtig, wenn du der Goa'Uld bist, der oben im Gehirn sitzt und
von dem du glaubst, dass du er bist.
Du machst dich selber zu einem Ding und dann hast
du eine Beziehung mit dir selber. Das ist verrückt, denn du
lebst tatsächlich so, als wärst du zwei. Es ist das, was du für
normal hältst, kleiner Mann.
Die Zukunft, für die du so leidenschaftlich kämpfst,
macht dir gleichzeitig Hoffnung und Angst. Das zerreißt dich,
denn du verwendest deine Energie gleichzeitig für zwei
entgegen gesetzte Ziele: du willst die Zukunft erreichen, die du
erträumst - und die Zukunft, die du fürchtest, willst du vermeiden.
Und damit erreichst du gar nichts. Selbst den kleinen Erfolg,
den du haben könntest, machst du so immer wieder zunichte.
Weil du so sehr mit der Zukunft beschäftigt bist, kannst
du das Jetzt nicht sehen. Die Geschichte, die du dir
ausgedacht hast, begann in der Vergangenheit und du spinnst sie in
die Zukunft weiter. Das Jetzt ist für dich nur der Punkt, an
dem sich Vergangenheit und Zukunft treffen.
Du bist so sehr mit Gedanken beschäftigt, dass du
gar nicht bemerkst, dass das Leben nur im Jetzt stattfindet.
Die alten Germanen haben nicht in der Vergangenheit gelebt.
Sie lebten jetzt. Und deine Urenkel werden nicht in der
Zukunft leben. Sie werden jetzt leben. Wahrnehmen, fühlen, ja
auch denken kannst du nur jetzt.
Aber du bist in deinen Gedanken verloren gegangen,
kleiner Mann. Du ängstigst dich, du ärgerst dich, du planst,
rechtfertigst, greifst an und verteidigst dich - ununterbrochen.
Dafür lebst du. Das tust du viele Stunden am Tag,
eigentlich immer. Und du hältst das für schrecklich wichtig. Kannst
du dich erinnern, worüber du gestern auf der Fahrt zur
Arbeit so intensiv nachgedacht hast? Vielleicht. Aber als du dich
vor zwei Wochen einen ganzen Tag lang geärgert hast - was
war das noch? Und wie wichtig sind diese Gedanken heute,
jetzt? Deine Gedanken von gestern sind für dich so
uninteressant wie die Tageszeitung von gestern. Natürlich denkst du nie
an die Grübeleien, mit denen du die vergangenen Tage
verbracht hast. Und trotzdem machst du heute weiter, auch wenn
diese Gedanken dich keinen Schritt weiter bringen. - Doch sie
bringen dich fort. Fort von dir selber. Die Gedanken
sind unbewusst. Du glaubst, sie seien dir bewusst, denn im
Augenblick, wenn du sie denkst, dann weißt du, was du
denkst. Wirklich? Du willst gar nicht, dass sie dir bewusst
werden. Du willst sie sofort vergessen und weitere Gedanken
denken. Du bist süchtig nach denken, kleiner Mann.
Was hat dieser ständige innere Monolog für einen
Sinn? Frag dich das, kleiner Mann, du wirst keinen Sinn darin
finden. Du wirst feststellen, dass es verrückt ist. Das ist ein
guter Anfang.
Ich sage dir kleiner Mann: Du hast den Sinn für das Beste in
dir verloren. Du hast es erstickt und du mordest es, wo immer du es
in anderen entdeckst, in deinen Kindern, in deiner Frau, deinem
Mann, deinem Vater und deiner Mutter. Du bist klein und willst
kein bleiben, kleiner Mann.
Woher ich das alles weiß, fragst du? Ich will es dir sagen:
Ich habe dich erlebt, mit dir erlebt, dich in mir erlebt, dich als
Arzt von deinen Kleinlichkeiten befreit, als Erzieher dich oft auf
den Pfad der Geradheit und Offenheit geführt. Ich weiß, wie sehr
du dich gegen die Geradheit wehrst, welche Todesangst dich
befällt, wenn du deinem wahren echten Wesen folgen sollst.
Du bist nicht nur klein, kleiner Mann, du hast, ich weiß es,
deine `großen Augenblicke' im Leben. Du kennst `Aufschwung'
und `Erhebung'. Doch du hast nicht die Ausdauer, deinen
Aufschwung immer höher zu schwingen, deine Erhebung dich immer höher
tragen zu lassen. Du hast Angst zu schwingen, du hast Angst
vor Höhe und Tiefe. Das hat dir schon Nietzsche viel besser als
ich gesagt. Aber Nietzsche sagte dir nicht
weshalb du so bist. Er wollte dich zum Übermenschen erheben, um den Menschen in dir
zu überwinden. Sein Übermensch wurde zu deinem `Führer
Hitler'. Und du bliebst der `Untermensch'.
Ich will, daß du aufhörst, Untermensch zu sein und daß du
`du selbst' wirst. `Du selbst' sage ich! Nicht die Zeitung, die du
liest, nicht die Meinung des bösen Nachbarn, die du hörst, sondern
`du selbst'. Ich weiß, du weißt nicht, was und wie du wirklich
zutiefst bist. Du bist zutiefst, was ein Reh, dein Gott, dein Dichter,
dein weiser Mann ist. Du aber glaubst, daß du ein Mitglied der
Kriegsveteranen, des Kegelklubs oder des Ku-Klux-Klans bist. Und da
du dies glaubst, handelst du so, wie du eben handelst.
(Wilhelm Reich, Rede an den kleinen Mann, S. 20/21)
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© Jürgen Fischer, Fischer-ORGON-Technik
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