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(Erweiterte Fassung des in emotion Nr.
11 erschienenen Artikels mit dem Titel
Gesundheit, Krankheit und Körpertherapie".)
1. EINLEITUNG
2. VEGETATIVES NERVENSYSTEM
2.1. Begriff des vegetativen Nervensystems
2.2. Funktion des vegetativen Nervensystems
2.3. Wirkung des vegetativen Nervensystems auf den Gesamtorganismus
3. BIOPATHIEN
4. BEEINFLUSSUNG DER PULSATION
4.1. Technik
4.2. Ausdruck und Emotion
5. BEISPIELE GESTÖRTER PULSATION
5.1. Bluthochdruck
5.1.1. Ursachenforschung
5.1.2. Vegetative Pulsation
5.1.3. Psychische Komponente
5.1.4. Therapie
5.2. Glaukom
5.2.1. Vegetative Pulsation
5.2.2. Psychische Komponente
5.2.3. Therapie
5.3. Nacken-, Schulter-, Rückenschmerzen
5.3.1. Vegetative Pulsation
5.3.2. Psychische Komponente
5.3.3. Therapie
5.4. Asthma bronchiale
5.4.1. Vegetative Pulsation
5.4.2. Psychische Komponente
5.4.3. Therapie
5.5. Magen- und Darmulcus
5.5.1. Vegetative Pulsation
5.5.2. Psychische Komponente
5.5.3. Therapie
6. ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSS
Der vorliegende Artikel entstand aus einem Vortrag im Januar 1991. Ich überlegte damals,
was ich zum Thema Körpertherapie aus meiner täglichen Arbeit als Ärztin mit den Reichschen
Methoden besonderes beizutragen hätte. Falldarstellungen, emotionale Entladungstechniken,
theoretische Konzepte der Arbeit - es schien alles richtig, aber eben nicht
mein Thema. Daher versuchte ich mich zu erinnern, wie ich eigentlich zu Reich" gekommen war.
Ich war damals mitten in meinem Medizinstudium und hatte jahrelang alle möglichen
Krankheitsbilder und Symptome auswendig gelernt. Auf die Frage, wie Krankheit eigentlich
entsteht, wurde in meinem Studium nie eingegangen. Wir beschäftigten uns nur mit dem Schaden"
und wie man ihn am besten repariert - ein bißchen wie bei einem kaputten Auto, das nicht
mehr funktioniert, weil die einzelnen Teile eben nicht so gut gebaut sind. Bei vielen Krankheiten
fand sich als Erklärung der Satz Ätiologie ungeklärt" oder Autoimmunkrankheit". Die
großen Fragen - was eigentlich verbirgt sich hinter dem Ausdruck Autoimmunkrankheit", wie
entsteht Krebs, wie kommt es zu Herz-Kreislauf-Krankheiten, - blieben ohne Antwort. Und
die Alternativmedizin schien auf den ersten Blick auch nicht so überzeugend - statt Pillen die
Nadel, die Hochpotenz oder das Heilkraut, alles nur zu oft im Rahmen einer Allgemeinarztpraxis
ohne ausreichende Kenntnis des zugrundeliegenden Denksystems angewandt oder auch nur
wieder Symptomkuriererei mit weniger gefährlichen Mitteln an Stelle von Ursachenforschung.
Die Psychosomatiker ließen sich als Randwissenschaft ausgrenzen und führten ihrerseits nun
wieder alles auf die Psyche zurück, ohne ein einheitliches Konzept für Psyche UND Soma anzubieten.
Dies fand ich erst, als ich mich mit den Schriften von Wilhelm Reich beschäftigte. Er sprach
von ungehinderter Pulsation, der Bedeutung der Sexualität, funktioneller Identität von Körper
und Psyche. Ich blieb bei Reich hängen", einem Konzept, das den Menschen auch in seinem
sozialen Umfeld sah und ein radikal psycho-somatisches Modell anbot, in dem nicht Körper
auf Psyche reduziert war oder umgekehrt.
Ich möchte hier daher nicht soviel über Körpertherapie an sich schreiben, sondern über
Reichs Konzept von Gesundheit und Krankheit. Unter Gesundheit verstehe ich dabei nicht nur
Freiheit von körperlichen Symptomen, sondern ebenso psychisches Wohlbefinden. Ich möchte
ausführen, auf welche auch in der Schulmedizin bekannten Konzepte sich das Reichsche Modell stützt
und dabei insbesondere die Funktion des vegetativen Nervensystems erläutern. Ich werde
dann Reichs Begriff von Gesundheit als ungehinderter Pulsation und den Begriff der
"Biopathie" erläutern. Anhand einzelner Krankheitsbilder werde ich dann Störungen des vegetativen
Nervensystems näher beschreiben und schließlich aus-führen, mit Hilfe welcher Techniken wir in
der Körpertherapie auf das vegetative Nervensystem, die morphologische Grundlage der
Pulsations-vorgänge, Einfluß nehmen können und damit ein gesundes Funktionieren des
Gesamtorganismus Mensch anregen und unterstützen können.
Wilhelm Reich beschäftigte sich anläßlich seiner Arbeiten zur Sexual-ökonomie in den
Jahren 1934 bis 1938 mit der Erforschung der biologischen Grundlage von Sexualität und Angst.
Dabei
erkannte er die zentrale Bedeutung des vegetativen Nervensystems als Schnittstelle
körperlicher und emotionaler Vorgänge: auf der einen Seite steht es in engem Zusammenhang mit den
körperlichen Organfunktionen, auf der anderen Seite ist es über die Blut- und Plasmaströme
Vermittler für das Empfinden von Emotionen, und es ist auch über die Verschaltungen des Zentralen
Nervensystems mit den für Gefühlsempfinden verantwortlichen Hirnzentren verbunden.-
Die Körpertherapie ist nach Reich Arbeit am körperlichen und seelischen Apparat zugleich.
Die seelischen Energien werden aus der charakterlichen und muskulären Panzerung befreit.
Aufgrund der großen Bedeutung des vegetativen Nervensystems möchte ich an dieser
Stelle etwas näher darauf eingehen, was das denn eigentlich ist, wie es funktioniert und was es
mit Gesundheit und Krankheit zu tun hat.
Das vegetative Nervensystem ist ein Teil des Zentralen Nervensystems (ZNS) des
Menschen. Dieses gliedert sich im wesentlichen in drei Teile, deren Funktionen eng miteinander
verknüpft sind. Ein Teil regelt die Tätigkeit der willkürlichen Motorik, der Reaktion des Muskelsystems
auf verschiedene Umwelteinflüsse; dieser Teil wird motorisches Nervensystem genannt. Ein
anderer Teil verarbeitet die Informationen aus den Sinnes-organen, wie z.B. Auge, Nase, Tastsinn,
zu bewußten Empfindungen. Dies ist das sogenannte sensorische Nervensystem.
Ein dritter Anteil des Nervensystems, mit dem wir uns hier eingehender beschäftigen
werden, dient schließlich dazu, speziell die Funktionen innerer Organe aufeinander abzustimmen.
Dieser Teil des ZNS wird als vegetatives Nervensystem bezeichnet. Es hat seinen Ursprung im
Hirnstamm und Rückenmark und umfaßt die Nerven, die die glatte Muskulatur der inneren
Organe, das Herz und die Drüsen versorgen. Die Regelkreise dieses vegetativen Nervensystems sind
eng mit denen der beiden anderen Anteile vernetzt; es gibt daher zahlreiche
Wechsel-wirkungen zwischen den einzelnen Systemen.
Abb. 1: Aufbau des Nervensystems (Grafik nicht vorhanden)
Innerhalb des vegetativen Nervensystems lassen sich zwei Teilstrukturen voneinander
abgrenzen, die man als Sympathikus und Parasympathikus bezeichnet. Diese beiden Strukturen ziehen
von Rückenmark und Hirnstamm zu den inneren Organen und regulieren deren Tätigkeit, d.h.,
sie regen sie an oder hemmen sie. In Rückenmark und Hirnstamm haben Sympathikus und
Parasympathikus unterschiedliche Ursprungsorte, und sie unterscheiden sich auch in ihrer Reaktion
auf biochemische Überträger-substanzen.
Das vegetative Nervensystem ist der willkürlichen Kontrolle weitgehend entzogen, daher
wurde es auch als autonomes Nervensystem bezeichnet. So können wir die Tätigkeit der inneren
Organe nicht willentlich steuern, also nicht zum Beispiel willkürlich das Herz schneller oder
langsamer schlagen lassen.
Abb. 2: Ursprung und Innervationsgebiete peripherer vegetativer Nerven
1 (Grafik nicht vorhanden)
Die meisten inneren Organe werden sowohl vom Sympathikus als auch vom
Parasympathikus innerviert. Die beiden Anteile des vegetativen Nervensystems sind dabei beide gleichzeitig
aktiv,
jedoch in unter-schiedlichem Maße. Sie beeinflussen ein bestimmtes Organ gegensätzlich
oder antagonistisch, d.h., das Überwiegen des einen Teiles kann eine Organtätigkeit hemmen,
das Überwiegen des anderen Teils die Tätigkeit des gleichen Organs verstärken. Die Erregung
des einen Anteils des vegetativen Nervensystems führt dabei zwangsläufig zu einer Dämpfung
des anderen Anteils, ohne daß dieser deswegen ganz abgeschaltet wäre. Es kann also, bezogen
auf ein bestimmtes Organ, niemals gleichzeitig der Sympathikus und der Parasympathikus
maximal tätig sein, sondern die Tätigkeit des einen überwiegt auf Kosten des anderen. Dies entspricht
in der chinesischen Medizin der Vorstellung, wie die sogenannten "Yin- und Yang-Stadien"
der Organe ineinander verflochten sind.
Sehen wir uns die Tätigkeit des vegetativen Nervensystems, bezogen auf die glatte
Muskulatur verschiedener innerer Organe etwas genauer an: die Wirkung des Sympathikus auf den
Herzmuskel ist z.B. eine erhöhte Herz-frequenz, während ein Überwiegen des
Parasympathikuseinflusses eine erniedrigte Herzfrequenz zur Folge hat. An diesem Beispiel sieht man deutlich, daß es
keine gleichzeitige Erregung des Herzens durch Sym-pathikus und Parasympathikus geben kann,
denn das Herz kann nicht gleichzeitig schnell und langsam schlagen. Es gibt aber auch nicht nur
die Option Herzrasen" oder Herzstillstand". Je nach Überwiegen des einen oder anderen
Einflusses wird der Herzschlag schneller oder langsamer: die Impulse von beiden Anteilen werden
so gegeneinander verrechnet.
Am Darm führt eine Reizung des Parasympathikus zu verstärkter Bewe-gung der
Darmmuskeln, eine Reizung des Sympathikus dagegen unter-drückt die Darmbewegung. An der
Bronchialmuskulatur führt die Aktivität des Parasympathikus zu einer Anspannung der Muskeln,
während der Sympathikus eine Entspannung herbeiführt. Am Auge führt Reizung des Sympathikus
zu einer Erweiterung der Pupille über die Aktivierung des dafür zuständigen Augenmuskels,
Reizung des Parasympathikus zu einer engen Pupille.
Der Funktionszustand eines inneren Organs, das sympathisch und parasympathisch
innerviert wird, hängt somit immer von der Balance der Aktivitäten zwischen Sympathikus und
Parasympathikus ab. Es steht aber jeweils der, bezogen auf dieses Organ, erregende oder der
hemmende An-teil des vegetativen Nervensystems im Vordergrund.
Tab. 1: Effekte bei Aktivierung des Sympathikus und Parasympathikus
2 (Grafik nicht vorhanden)
Bisher haben wir die Wirkungsweise des vegetativen Nervensystems auf einzelne Organe
besprochen. Man kann jedoch auch, auf den Gesamt-organismus bezogen, von einer
sympathikotonen oder parasympathiko-tonen Reaktionslage sprechen. Dabei werden die Organe nicht
gesondert, sondern in ihrer Gesamtheit betrachtet. Sie werden je nach Bedürfnis des Organismus im
Dienst einer bestimmten Leistung aktiviert; sie wirken zum Erreichen dieser Leistung zusammen.
Reichs Definition von Gesundheit beruht auf der Fähigkeit eines Lebewesens, in
rhythmischer Oszillation zwischen diesen beiden Zuständen - des Gerichtetseins auf die Umwelt und
der Orientierung auf den inneren Zustand - hin- und herzuschwingen. Reich bezeichnet diese
Grundfunktion als Pulsation des Lebendigen". Reich definiert also Gesundheit nicht als
Abwesenheit von Symptomen, Krankheiten oder Einschränkungen, sondern im Gegensatz dazu als
eine Funktion des Wechselspiels, der Wechselwirkung von Subjekt und innerer und äußerer Welt,
als ständig sich verändernde pulsierende Auseinandersetzung des Organismus mit sich selbst
und
der ihn umgebenden Welt .3
Bei einem äußeren Streß zum Beispiel schaltet der Körper auf sog. Abwehrverhalten", bei
dem der Sympathikus maximal aktiviert wird. Die Atmung wird gesteigert, die Pupillen sind
erweitert; bei Tieren sieht man noch die gesträubten Nackenhaare. Der Blutdruck, die
Muskeldurch-blutung und die Herzfrequenz nehmen zu, während die Darmdurchblutung und
Darmbeweglichkeit sowie die Hautdurchblutung abnehmen. Die Auf-merksamkeit ist dabei ganz
auf außen konzentriert. Durch den äußeren Reiz schaltet der ganze Organismus auf einen Zustand,
in dem er alle Energien innen sammelt, um sich auf Angriff oder Flucht vorzubereiten
(deshalb auch "flight or fight reaction" genannt). Er kontrahiert sich und ist im Zustand der
Spannung. Dies wird von W. Cannon als Notfall-reaktion" bezeichnet. Ein Beispiel dafür ist, wenn
jemand Streit mit seinem Chef hat: in solch einer Situation ist der Sympathikus maximal aktiviert.
Im Kontrast zum Abwehrverhalten steht das Freßverhalten". Nach Nahrungsaufnahme - wir
alle kennen das nach einem üppigen Mahl - wird der Parasympathikus stärker erregt. Die
Aufmerksamkeit wird von der Umgebung abgezogen, wir werden schläfrig, die Darmtätigkeit wird
angeregt, der Bauchraum mit den Verdauungsorganen stärker durchblutet. Die Durchblutung
der Skelettmuskeln geht dabei zurück, der Blutdruck sinkt, das Herz schlägt langsamer und am
Auge sieht man eine Verengung der Pupillen. Der Organismus zieht sich hier nicht zusammen,
sondern erweitert sich, dehnt sich energetisch nach
außen aus, und befindet sich im Zustand der
Entspannung. Gleichzeitig ist die Aufmerksamkeit eher nach
innen gerichtet.
Die Oszillation zwischen diesen beiden Zuständen des vegetativen Nerven-systems hat
auch grundlegende Einflüsse auf das hormonelle und emotionale Befinden des Körpers. Die
Aktivität von Sympathikus und Parasympathikus hat über die Verengung und Erweiterung der
Blutgefäße großen Einfluß auf die Flüssigkeits- oder Plasmabewegungen im Körper, die für Reich
Grundlage für das Empfinden von Emotionen sind. Der Flüssigkeitsstrom kann vom Zentrum nach
außen gerichtet sein (Expan-sion) oder von der Peripherie nach innen (Kontraktion). Das Gefühl
von Lust ist funktionell identisch mit ungehinderter Pulsation, das Gefühl von Angst mit
eingeschränkter Pulsation des vegetativen Nervensystems.
Das vegetative Nervensystem ist außerdem eng mit dem Muskelpanzer" verzahnt:
chronische Muskelspannungen behindern das Strömen von Kör-perflüssigkeiten und eingeschränkte
vegetative Pulsation spiegelt sich in chronisch angespannten Muskeln wieder.
Die beiden, in ständiger Wechselwirkung stehenden Systeme von Sym-pathikus und
Parasympathikus, sind funktionell nicht zu trennen, erst ihr Zusammenspiel ermöglicht eine
harmonische Funktion des Gesamt-organismus.4 Der Lebensprozeß spielt sich in stetem Wechsel von
Expansion und Kontraktion ab."5: der Pulsation.
Wird der biologische Schwingungszustand in der einen oder anderen Richtung gestört,
überwiegt die Expansions- oder die Kontraktions-funktion, dann muß eine Störung des
allgemeinen biologischen Gleichgewichtes zustande kommen. Ein Verharren im Zustande der Expansion
ist gleichbedeutend mit Vagotonie, Verharren im Zustand angstvoller Kontraktion
mit Sympathikotonie."6 Das Gleichgewicht zwischen beiden Zuständen wird von W. Cannon
als Homöostase" bezeichnet.
In der Schulmedizin trifft man häufig auf ein Krankheitsbild, in dem das Symptom aus
dem "Nichts" in einem ansonsten gesunden Körper entsteht. Der Arzt wird zum Biotechniker, der
den Schaden repariert. Es ist jedoch der ganze Mensch krank und nicht nur eines seiner Teile.
Reichs Ver-ständnis ist, daß Krankheit entsteht, wenn die natürliche Pulsation des
Gesamtorganismus gestört ist. Reich bezeichnet diesen Krankheitsprozeß, der sich am autonomen oder
vegetativen Lebensapparat abspielt, als BIOPATHIE. Die Biopathie ist also eine typische
Grunderkrankung des vegetativen Nervensystems. Sie ist zunächst eine rein funktionelle Störung, die den
gesamten Organismus betrifft, sich aber einmal in Gang gesetzt, später auch in verschiedenen
Krankheitsbildern morphologisch äußern kann. In sehr stark fortgeschrittenen Prozessen kann es zur
sogenannten Schrumpfungsbiopathie" und damit zur Entstehung von Krebs kommen.
Die Biopathie kann in einem Karzinom resultieren, aber ebenso in einer Angina pectoris,
einem Asthma, einer kardiovaskulären Hypertonie, einer Epilepsie, Katatonie, paranoiden
Schizophrenie, Angstneurose, in multi-pler Sklerose, Chorea, chronischem Alkoholismus,
etc."7
Unfälle und typische Infektionskrankheiten gehören also nicht zum Zustand der Biopathie, da
sie nicht auf Störungen des autonomen Lebensapparates beruhen, begrenzt sind und eine Störung
der biologischen Pulsation nur sekundär herbeiführen. Liegt eine primäre Pulsationsstörung vor,
so kann die Biopathie als emotionale Störung des seelischen Apparates, also als Neurose
oder Psychose, in Erscheinung treten. Sie kann sich aber auch unmittelbar im Funktionieren
der Organe auswirken und als Organerkrankung zum Vorschein
kommen".8 Dabei geht die funktionelle Störung der Pulsation den Organveränderungen voraus. So können zum Beispiel
starke, krampfartige Bauchschmerzen zunächst ohne organisch erkennbare Ursache vorliegen, die
dann aber in späteren Jahren zu morphologischen Organveränderungen führen.- Krankheit" in
der Schul-medizin liegt erst dann vor.
Der Zustand eingeschränkter vegetativer Pulsation ist gekoppelt an eingeschränkte
sexuelle Erlebnisfähigkeit. Störungen im biosexuellen Erregungsablauf begründen Störungen des
biologischen Funktionierens. Die Fähigkeit des Organismus, sich energetisch aufzuladen und zu
entladen, ist eine Grundfunktion des Lebendigen, die vor allem in der Sexualität und der
Entladungsmöglichkeit des Orgasmus beobachtet werden kann. Die Qualität sexueller Lust ist
funktionell identisch mit voller vegetativer Reaktionsbereitschaft. Ist diese Fähigkeit eingeschränkt,
bedingt z.B. durch repressive Sexualerziehung in der Kindheit, so führt dies über eine gestörte
Ladungs- und Entladungsmöglichkeit des Organismus zu gestörter Pulsation. Dies bedingt auf
sexuellem Gebiet verminderte Erregung und eingeschränkte Orgasmusfähigkeit. Auf den
Gesamtorganismus bezogen entsteht eine Pulsationsstörung als Grundlage für eine Biopathie.
Abb. 3: Ursachen der Pulsationsstörung (Grafik nicht vorhanden)
Die Biopathie beginnt laut Reich immer mit einem chronischen Über-wiegen der
Kontraktion und mit Hemmung der Expansion des autonomen Lebensnervensystems. Er fand in seinen
klinischen Studien heraus, daß das chronische Verharren des Organismus in einem Zustand, der
vom Sym-pathikus dominiert wird und in dem definitionsgemäß keine Pulsation mehr
stattfindet, subjektiv als unlustvoll, als Angst erfahren wird. Dieser Zustand entspricht laut Reich
einem Rückzug von der Welt wie im Schreck. In diesem Zustand wird - wie schon vorhin beim
Abwehr-verhalten" geschildert - die Haut bleich und kalt, der Herzschlag beschleunigt sich,
der Blutdruck erhöht sich, die Pupillen werden weit, die Skelettmuskulatur ist gelähmt oder
stark angespannt.
Der Parasympathikus betont nach Reich eher die lustvolle Seite des menschlichen Lebens,
das
Hin zur Welt". Wenn der Parasympathikus aktiv ist, ist die Haut warm und rosig, das
Herz schlägt langsam und kraftvoll, der Blutdruck ist gesenkt, die Pupillen eng und die
Muskulatur locker, die Verdauungstätigkeit angeregt, wie vorhin beim Freßverhalten" geschildert.
Diese Definition der Biopathie, wie sie zunächst von Reich in Die bio-elektrischen
Untersuchungen von Sexualität und Angst" beschrieben wurde, ist meiner Meinung nach
unvollständig. Der Zustand des Parasympathikus erscheint als der Gute", der des Sympathikus als der
Böse". Wer jemals einen Asthmaanfall oder Migräne hatte - beide durch ein Verharren in
stark parasympathikotonem Zustand gekennzeichnet, kann dem schwer folgen: auch er hat
diesen Zustand als unlustvoll, in sich gefangen und mit Angst besetzt erfahren, keineswegs als
ein lustvolles Strömen hin zur Welt.
Dieser scheinbare Widerspruch in den Reichschen Erkenntnissen läßt sich überwinden,
wenn man den Zustand der natürlichen Pulsation, in dem der Organismus je nach Tageszeit oder
äußeren Erfordernissen zwischen den beiden Zuständen Parasympathikus/Sympathikus hin-
und herschwingt, von dem Zustand eines
chronischen Verharrens in einem der beiden Extreme
unterscheidet. Es gibt äußere Umstände, die eine starke Aktivität des Sympathikus durchaus
wünschenswert machen: z.B. wird eine Katze beim Mäusefangen sicher völlig nach außen
gerichtet sein, keineswegs entspannt, aber auch nicht unlustvoll kontrahiert. Ebenso wird es einem
Rennfahrer während eines Rennens gehen, oder einem Wissenschaftler bei einer
spannenden Forschungstätigkeit. Wenn die äußeren Umstände sich ändern, wird ganz von alleine eine
vegetative Umstimmung des Organismus hin zum Überwiegen des Parasympathikus stattfinden:
die Katze schläft nach dem Mäusefang, Rennfahrer oder Wissenschaftler erholen sich nach
ihrer Arbeit und entspannen sich. Diese natürliche Pulsation unterscheiden wir von einem
chronischen Verharren, einem Festgefahrensein" in einem der beiden Zustände.
Ein chronischer Sympathikustonus führt zu den von Reich beschriebenen unangenehmen
subjektiven Empfindungen: der Körper geht in eine Art innere Kampfbereitschaft",
hervorgerufen durch äußeren oder auch inneren Streß oder Schreck. Da es aber weder zu Kampf noch zu
Entwarnung kommt, verharrt der Organismus in diesem Zustand. Eine Pulsation im vorhin
beschriebenen Sinne findet nicht mehr statt.
Ein chronisches Verharren im Zustand des Parasympathikus fühlt sich aber nicht
unbedingt besser an: zum einen ist der Organismus im Extremzustand der Entspannung, was sich als
starke Müdigkeit, Schlaff-heit und Antriebslosigkeit bemerkbar macht. Die Verdauungstätigkeit
ist stark angeregt, was Durchfälle oder Magenkrämpfe zur Folge hat. Die
Bronchialmuskulatur verkrampft sich, dies führt zu der Empfindung, nicht genug Luft zu bekommen und kann
im Extremfall sogar zu dem tödlichen Ausgang eines Asthmaanfalls führen. Statt
Kampfbereitschaft liegt hier vielmehr Resignation und Rückzug, ein inneres Aufgeben, vor.
Die Pulsation kann demnach an jeder beliebigen Stelle festgefahren" sein. Maßgeblich
ist weniger, in welcher Stellung (Sympathikus oder Parasym-pathikus) die Pulsation
angehalten wird, als vielmehr die Tatsache,
daß sie angehalten wurde.
Die Tätigkeit von Sympathikus und Parasympathikus ist im Kern funk-tionell identisch:
zu Grunde liegt beiden die vegetative Erregbarkeit. So schreibt Reich auch am Ende des
Buches Sexualität und Angst":
Das vegetative Nervensystem ist mit der Fähigkeit zur Kontraktion und Expansion
ausgestattet. Aus der Mittellage des vegetativen Gleichgewichts vermag es, jeweils in der Richtung zur
Welt zu wirken, also sich zu strecken oder in sich zurückzukriechen, das heißt zu kontrahieren.
Es
könnte auch aus dem einen in den anderen Zustand schwingen oder in einem der beiden
extremen Zustände festgehalten werden. Etwas schematisch ausgedrückt würde das vegetative
Gleichgewicht dem Zustand entsprechen, in dem es weder festgehaltene Expansions- noch
Kontrak-tionsstellungen gibt."9
Eine weitere Besonderheit des vegetativen Nervensystems ist bemerkens-wert: es kann nicht
nur rhythmisch zwischen Sympathikus und Parasym-pathikus hin- und herschwingen, sondern
die jeweiligen Extremzustände können auch ineinander übergehen. Ein extremer und
chronischer Sympathikustonus kann umschlagen in einen extremen und chronischen
Parasympathikustonus und umgekehrt. Dies ist der Grund dafür, warum man in Situationen extremer
Sympathikusaktivierung, wie z.B. Prüfungs-streß, vor Aufregung Durchfall bekommen kann (der
eigentlich auf eine starke Stimulierung des Parasympathikus schließen läßt). Analog könnte man sagen,
daß die ständige Kampfbereitschaft in Resignation, aber umgekehrt auch der innere Rückzug
bei zunehmendem Streß in Kampfbereitschaft umschlagen kann. Dieser Mechanismus macht
auch verständlich, warum eine Krankheit nicht nur durch Verharren in einem der chronischen
Zustände entstehen kann, sondern auch durch un-reguliertes und nicht aufeinander abgestimmtes
wildes Hin- und Her-schlagen" zwischen sympathikotonem und parasympathikotonem Zustand.
Maßgeblich für das physische und psychische Wohlbefinden ist meiner Meinung nach
eine gesunde Spannung", ein ausgeglichener Zustand, in dem aus der Mittellage des
vegetativen Gleichgewichts heraus die Oszillation zwischen Sympathikus und Parasympathikus
ungehindert statt-findet. Leider findet man in unserer Kultur, streß- und sexualökonomisch bedingt, eher
eine Verschiebung der Mittellage zugunsten des Sympathi-kus, so daß die Entspannungsfunktion
des Parasympathikus nicht genug zum Zuge kommt.
Der amerikanische Internist Robert A. Dew weist darauf hin, daß die Biopathien zu
nicht lokalisierbaren Veränderungen am Gesamtorganismus führen können, wie z.B. bei
Bluthochdruck, Arteriosklerose oder Diabetes, daß sie sich aber auch in Form klar umrissener
Organmanifestation zeigen können wie bei Gallensteinen oder einem Magengeschwür. Dew stellt
eine Klassifikation der Biopathien nach zunehmendem Schweregrad auf, wobei er die
abnehmende vegetative Reaktionsbereitschaft des Organismus zu Grunde
legt:10
(Grafik nicht vorhanden)
Dew sieht, entspr. Reich, alle Krankheiten als primär sympathikoton bedingt an
(die Sympathikotonie könnte man schon fast als Kennzeichen unserer Kultur
bezeichnen). Parasympathische Symptome sind für Dew Ausbruchsversuche des vegetativen Systems aus
der Starre. Wenn die Energie sich nicht in der ursprünglichen Pulsation entladen kann, kann sie
im Organismus zu verschiedenen Arten von Durchbrüchen" (Krankheits-schüben) führen.
Wenn diese Durchbrüche nicht mehr stattfinden können, reagiert der Organismus mit Resignation
oder Schrumpfung. Krankheiten können also ein zwar unteroptimaler, aber doch unter
gegebenen Umstän-den noch bester Versuch des Körpers sein, einen Teil vegetativer Pulsation
aufrechtzuerhalten.
Wir werden nachher noch ausführlicher darauf eingehen, welche Auswir-kungen die
chronisch eingeschränkte Pulsation an einzelnen Organen haben kann. An dieser Stelle möchte ich
nur noch einmal darauf hinweisen, daß Krankheit in dem Moment entsteht, in dem die
Pulsation gestört bzw. unterbrochen ist.
Aus der ursprünglichen Reichianischen Arbeit haben sich heute viele Schulen mit
unterschiedlichen Schwerpunkten entwickelt. Ich werde hier nur exemplarisch einige Techniken
aufführen, die in meiner Arbeit eine Rolle spielen.
Die grundlegendste Technik der von Reich entwickelten Körpertherapie ist die Anregung
der Atmung. Durch willkürlich vertiefte Atmung verstärkt sich die energetische Ladung des
Körpers, die Muskelverspannungen werden deutlicher spürbar und können so bewußt gemacht und
bearbeitet werden. Die Atmungstiefe hat auch direkt anregende Wirkungen auf Zentren des
vegetativen Nervensystems. Bei Streß ist der Atem flach und gehalten, bei Entspannung tief und voll.
Um die Pulsation auf der segmentalen Ebene anzuregen, arbeiten wir mit der direkten
Aktivierung der chronisch kontrahierten Muskulatur. Auf der körperlichen Ebene wirken wir über
die Aktivierung der Muskeln auf das Wechselspiel des vegetativen Nervensystems ein, auf
der seelischen Ebene werden analog die bisher zurückgehaltenen Gefühle bewußt erlebbar
gemacht. Zunächst muß der Patient lernen, die Verspannung bewußt zu spüren. Dann können die
Muskelverspannungen mit Hilfe verschiedener Techniken aufgelöst werden.
Dazu kann die Anspannung der Muskeln willkürlich verstärkt werden - z.B. durch
Übertreiben des jeweiligen Gesichtsausdruckes oder durch die von Alexander Lowen entwickelten
Streßpositionen der "Bioenergetik". Dadurch wird gleichzeitig auch die Tätigkeit des Sympathikus
in diesem Bereich noch weiter verstärkt. Die willkürliche Anspannung sollte möglichst
lange gehalten werden, da nach Loslassen der angespannten Muskulatur eine vegetative
Umschaltung stattfindet. Die Muskeln entspannen sich in diesem Bereich, sie werden warm durchblutet
und ein Entspannungsgefühl setzt ein, das von einem Gefühl inneren Strömens oder von
unwillkürlichen Muskelzuckungen begleitet sein kann.
Eine weitere Möglichkeit der Pulsationsanregung ist die direkte Bear-beitung von Muskeln
und Bindegewebe durch den Therapeuten, wie z.B. in der "Points and Positions"-Technik nach
Will Davis. Dabei geschieht die Auflösung muskulärer und bindegewebiger Verspannungen
durch Druck auf Muskelansatzpunkte und bindegewebige Verhärtungen, wodurch über die
Beeinflussung der bindegewebigen Grundsubstanz der Status quo aufgelöst wird zugunsten einer
angeregten oder vertieften Pulsation.
Die Muskeln können auch durch Bewegung aktiviert werden. So kann man z.B. die
Schultermuskeln gut durch Schlagbewegungen lockern helfen, die Kinnmuskulatur durch
Beißübungen oder die Beckenmuskeln durch Treten. Der Patient kann auch aufgefordert werden, selber
in die Ver-spannung hineinzuspüren" und herauszufinden, welchen Bewegungsim-puls er
darin zurückhält.
Die rein mechanische Anregung der Muskeltätigkeit ist nur dann langfristig erfolgreich, wenn
die Pulsation auf der Ebene des vegetativen Nervensystems wieder maximal stimuliert ist. Dies
geht einher mit vermehrtem Blutstrom auf der einen Seite (vermehrte Durchblutung von Muskel
und Haut, Strömen) und mit Auflösung emotionaler Blockaden auf der anderen Seite.
Durch ihre Anspannung behindert die Muskulatur die Bewegung der Körperflüssigkeit und
des Blutstromes. Wenn eine muskuläre Panzerung aufgelöst wird, tritt eine der drei
biologischen Grunderregungen, wie Reich sie nannte, auf: Angst, Wut oder Lust. Angst entsteht dabei
bei zentralem Rückzug von Energie ins Körperinnere, Wut bei Störung des lustbetonten
Strömens von Energie nach außen, Lust wird empfunden bei ungestörtem Strömen der Flüssigkeit,
ungehinderter Pulsation. Wenn die in den Muskeln gebundene Energie frei wird, kann es daher
zu kathartischen Erlebnissen kommen mit Erinnerungen aus der Kindheit und erneutem
Erleben frühkindlicher Gefühle. In den Therapiestunden werden zunächst die unangenehmen
Gefühle wieder auftauchen, wie Angst, Wut und Trauer. Nach Durchleben dieser Gefühle wird
jedoch auch die Fähigkeit zu angenehmen Empfindungen wie Freude, Lust und Hingabe steigen.
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Fortsetzung in BUKUMATULA 5/96
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