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Teil 2 - Die emotionelle Pest (nicht hier veröffentlicht)
Teil 3 - Der Wahrheitssucher (nicht hier veröffentlicht)
Dieses Buch ist 1977 im Berliner Parallel-Verlag erschienen. Damals, in der Zeit kurz nach
der Studentenrevolte, war der Begriff "AAO" (Aktionsanalytische Organisation) in der Szene
der Jugendbewegung allgemein bekannt, heute ist dies nicht mehr dar Fall. Lediglich einigen
Aktivisten dieser Zeit ist er noch geläufig und löst einen eher nostalgischen "ach, ja,
damals..."-Effekt aus.
Die AAO war eine Kommune, die ursprünglich vom Wiener Aktionskünstler Otto Mühl
Mitte der siebziger Jahre gegründet worden war. Der Kernpunkt dieser Kommune war der
Anspruch, die Erkenntnisse Wilhelm Reichs in gesellschaftliche Praxis umzusetzen. Das Buch "Die
Falle" handelt davon, wie ein solcher Versuch kläglich scheitern und sich ins genaue Gegenteil
verkehren kann.
Die AAO wurde zur Sekte, zum Menschenfänger, zu einer Institution, die es darauf
abgesehen hatte, Menschen abhängig und fügsam zu machen. Angetreten waren sie mit einem
absolut emanzipatorischen Anspruch: den Menschen nicht nur über Indiviadualtherapie aus
seinen strukturellen Problemen herauszuhelfen, sondern diese Veränderung auch in eine konkret
gesellschaftliche Realität münden zu lassen.
Das Scheitern der AAO sehe ich von der heutigen Warte aus - es sind inzwischen 20 Jahre
vergangen - ähnlich wie das Scheitern der "Sexuellen Revolution" und der
"antiautoritären
Kinderläden" der Studentenbewegung. In all diesen Fällen wollten (normal) charakterlich
deformierte Menschen über einen Willensakt eine Veränderung herbeiführen, der jedoch
einen
längjährigen individuellen Entwicklungsprozeß eines jeden Menschen voraussetzt und
wahrscheinlich auch
- was die gesellschaftliche Umsetzung angeht - eine Entwicklung, die über viele
Generationen wachsen müßte. Reich hatte nie die "Umsetzung" seiner
wissenschaftlichen Arbeiten
zur Charakterstruktur des Menschen außerhalb einer qualifizierten psychotherapeutischen
Arbeit gefordert. Seine eigenen Versuche - z.B. die Sexpol-Bewegung innerhalb der KPD -
waren ebenfalls an der Charakterstruktur der Massen gescheitert und das hatte er auch deutlich
gesagt. Die Versuche, die in den sechziger und siebziger Jahren gemacht worden sind, Reich im
aktuellen gesellschaftlichen Leben umzusetzen, sind daher - vom reich´schen
sexualökonomischen Standpunkt betrachtet - als äußerst naiv einzuschätzen.
Dennoch ist das, was wir damals in der Stdentenbewegung und in der AAO erlebt haben, es
wert, dokumentiert und offen betrachtet zu werden. Das Phänomen, das hier betrachtet wird
heißt "emotionelle Pest"; es ist die deformierte, destruktive Charakterschicht, die beim
zivilisierten Menschen zwischen der ersten Schicht, dem animalischen, liebesfähigen Kern des
Menschentiers liegt und der dritten Schicht der angepaßten Moral, der Höflichkeit, des
"normalen"
distanzierten gesellschaftlichen Verkehrs der Menschen untereinander. Alle Versuche der Menschen, diese
für das emotionelle Leben sehr unbefriedigende dritte Schicht zu verlassen und in die
friedliche Heimalt des menschlichen Kerns zu gelangen - ein Prozeß, der wenn überhaupt
willentlich,
nur über eine qualifizierte Psychotherapie umzusetzen ist - endet in der Destruktivität der
zweiten Schicht, er emotionellen Pest. Das gilt für Individuen genauso wie für Gruppenund
für
ganze Staaten.
In diesen Tagen wird eines der späten Hauptwerke Wilhelm Reichs wieder
veröffentlicht: "Christusmord. Geschichte der Entdeckung der Lebensenergie" (Verlag 2001)
Der
amerikanische Originaltitel "The Murder of Christ. The Emotional Plague of Mankind" drückt
genauer aus,
daß es in diesem Werk genau um dieses Problem geht: Wie geht die Menschheit mit diesem
strukturellen Problem um, woher kommt die emotionelle Pest und warum fallen wir immer wieder
in diese Falle hinein. Mit diesem Werk schließt Reich an sein sexualökonomisches Werk aus
den
dreißiger Jahren, die "Massenpsychologie des Faschismus" an, und beide sind heute immer
noch genauso aktuell wie zur Zeit, als Reich sie verfaßt hat.
"Die Falle" zeigt, daß völlig normale Menschen - und das waren wir damals
tatsächlich -
den Mechanismen der emotionellen Pest völlig hilflos erliegen können. Je nach Struktur haben
die Menschen mehr oder weniger Widerstandskraft gegen die politische Pest, doch letztlich führt
die Unkenntnis über die strukturellen Zusammenhänge dazu, sich einem Führer, einer
Ideologie
zu ergeben, wenn dahinter auch nur ein schmaler Horizont einer möglichen Befreiung
vermutet wird. So werden die vitalsten, die besten, phantasievollsten Menschen einer ganzen
Generation geopfert, diejenigen, die bereit sind, sich einer Idee von Freiheit ganz und gar hinzugeben. Es
ist die Sehnsucht nach Freiheit, die Menschen in Sekten, in die Fänge politischer Extremisten
und ganze Staaten in den Faschismus hineinführt. Dieses Sehnsucht wird einerseits schamlos
ausgenutzt für die Machtinteressen einzelner oder kleiner Eliten. Doch andererseits sind es die
Opfer selber, "die Massen", die sich ihren Führer, ihre Sekte, ihren politischen Despotismus
auswählen, an die Macht bringen und ihm folgen. Wenn sie erkennen, daß daraus geistige,
emotionelle Gefangenschaft resultiert oder im Falle von Staaten Krieg, Arbeitslager, KZs und gezielte
Massenvernichtung ist es bereits zu spät, das Rad der Geschichte anzuhalten.
Es wäre gleichsam naiv anzunehmen, daß uns so etwas wie der historische Faschismus
"nie wieder" passieren könnte. Im ehemaligen Jugoslawien haben wir gerade 1000 km von
hier enttfernt einen faschistischen Ausbruch der emotionellen Pest erlebt. Das Unwort
"ethnische Säuberung" heißt nichts anderes, als daß Moslems oder Serben aus
Gründen ihrer
Herkunft abgeschlachtet, vertrieben, vergewaltigt und in Massenlagern gequält wurden - hier und
heute, von Menschen, deren Struktur nicht anders aussieht als unsere. Wilhelm Reich hat uns in
seinen sexualökonomischen Werken beschrieben, daß dies immer wieder geschehen kann. Es
geschieht gerade im Iran, in Ruanda hat es eine Pestkatastrophe gegeben und in Rußland bahnt sich
gerade eine an.
Für mich persönlich war die Zeit, die ich in der AAO verbracht habe, eine Lehre. Ich meine,
am eigenen Leib erfahren zu haben, wie die organisierte emotionelle Pest funktioniert und
glaubte, nun dagegen gefeit zu sein. Eigenartigerweise hat mich das nicht davon abgehalten, wenige
Jahre später wieder in eine Sekte hineinzugeraten, diesmal in ein spirituelles Gebilde, eine
Buddhistische Sekte, die zwar nicht derart radikalen Mitteln vorgeht wie die AAO, aber mit genau
denselben emotionellen Deformationen arbeitet, um Menschen an sich zu binden. Die Ergebnisse
sind hier wie dort, daß Menschen, die sich einem solchen autoritären System unterordnen, als
emotionelle, geistige Wracks enden, unfähig, den Begriff der Freiheit, die sie ursprünglich in der
Organisation suchten, auf ihr persönliches Leben anzuwenden, denn Freiheit ist nur per definitionem
als die Freiheit der Organisation(sführer), oder auch als jenseitige "Erleuchtung" umdefiniert
und
mit der Gefolgschaft eines Otto Mühl oder eines Lamas in das genaue Gegenteil umgedreht.
Die Absurdität, die jedem unvoreingenommenen Beobachter sofort auffällt, daß Freiheit in
der absoltuen Unterordnung unter eine (väterliche) Autorität - ob nun ein geiler Otto oder ein
heiliger Lama - zu finden sein könnte, ist für diejenigen, die sich in den Fängen der
emotionellen
Pest aufhalten, nicht mehr nachzuvollziehen, ja sie werden es immer als persönlichen Angriff
gegen ihre Integrität erleben und entsprechend wütend reagieren.
Es geht mir jedoch nicht um die Personen, die in diesem Bericht auftauchen, die meisten
werden sich längst von der AAO und anderen Sekten losgesagt haben. Ich veröffentliche "Die
Falle"
als Dokument, als Fallstudie zur emotionellen Pest.
Man mag mir die manchal deftige Ausdrucksweise verzeihen, sie entspricht der Sprache, mit
der wir 1977 gelebt haben. Ich kann mich damit heute nicht mehr identifizieren, dennoch bin
ich beim Wiederlesen meines ersten Buches angenehm überrascht worden von der Vitalität
und Kraft, die ich in diesem Text wiederfinde, die mich das Lebensgefühl in den Kommunen
in Berlin-Kreuzberg am Ende der siebziger Jahre nachempfinden läßt.
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