IN DER MOOSKOMMUNE
Wenn ich über die Zeit in der Mooskommune schreibe, die zur AAO München gemacht
worden ist, so klingt das, als sei irgendein Ereignis eingetreten, das unser Kommuneleben
verändert hätte. Das ist so nattirlich nicht richtig. Die Entwicklung der Mooskommune zur AAO
war vorauszusehen, war geplant, wenn auch nicht allen in der Kommune bewußt war, daß der
Weg unweigerlich in die AAO führen mußte.
Das Unternehmen Mooskommune war für uns ein aufregendes Abenteuer. Wir wollten
anders leben und fingen einfach an, Kommune zu machen. Das Haus war ideal geeignet für die
ungestörte Entwicklung einer Gruppe. Anfangs nutzten wir die Bedingungen des Hauses auch
aus. Von der Terasse aus konnten wir die ganze Umgebung überblicken. Es war Hochsommer
und sooft es das Wetter zuließ, schafften wir Bänke und Tische auf die Terasse und
frühstuckten stundenlang, sonnten uns, machten SDs, klönten. Eine funktionierende Ökonomie hatten
wir damals noch nicht. Wir lebten von den Unterstützungen die manche von Eltern oder Staat
bekamen und verkauften alles, was überflüssig war, besonders unsere Bücher und Schallplatten.
Das Leben ähnelte mehr dem in einer Hippiekommune, als einer Arbeitskommune Marke
AA. Aber mit den häufiger werdenden Besuchen der AAs änderte sich unser Leben. Die
Münchener Mooskommune war geographisch so gelegen, daß die "Wiener", die Kommunarden
der AAKommunen in Wien und vom Friedrichshof, uns besuchen kamen,um zu übernachten.
Dazu kamen noch die Besuche der Berliner AAs und ziemlicher Mengen von
Friedrichshofbesuchern, die uns vor oder nach einem Kurs besuchten, um das Leben einer Kommune kennenzulernen,
die nach dem Modell der AAO lebte. An eine ungestörte Entwicklung war überhaupt nicht zu
denken. Jeder AA aus Wien oder Berlin nahm die Gelegenheit wahr, bei uns mal so richtig
aufzutrumpfen, wichtig zu sein. Jeder AA übernahm die Kommunikationsleitung und machte mit
uns "Bewußtseinsarbeit" auf seine Weise. Jeder "Wiener" meinte etwas anderes, nur eines war
allen gemeinsam: jeder einzelne war der "Größte", wir hatten alles zu akzeptieren und freudig
zu beklatschen. Was wir auch taten. Der eine ließ sich als Gott feiern, der andere schwor
auf Materialselbstdarstellungen der nächste ließ uns emotionale Reden üben, der übernächste
führte wieder die Aggressiondarstellungen ein und schaffte alles ab, was wir bis dahin gelernt
hatten. Und jeder gab seinen Senf zu unserer Entwicklung als Kommune. Wir glaubten alles.
Schon im August war unser Leben völlig von AARichtlinien bestimmt. Unser Ziel bestand
bald darin, möglichst schnell Mitglied der AAO zu werden so wie die Gruppen in Berlin und Genf.
Es gab keine stundenlange Frühstücke auf der Terasse mehr und kein "Wegechwimmen" auf
die Landschaft. Nur manchmal noch fuhren wir für eine Stunde zu einem der Baggerseen der
Umgebung.
Unser Leben war von den Anprüchen geprägt, die uns zu einer "guten" AAGruppe
werden lassen sollten. Das bedeutete, eine Ökonomie aufzubauen: einen Lastwagen kaufen, um
damit Transporte zu fahren, eine Malerkolonne aufetellen und einen Laden in der Münchener
Innenstadt auftreiben, um dort ein "AAMagzin" zu machen. Noch auf dem Treffen
aller AAVersuchagruppen in Ottingen im August hat sich die Münchener Gruppe geschlossen
dagegen gewehrt, das Haus im Moos aufzugeben und in die Münchener Innenstadt zu ziehen, wie
es die Ökonomieleiter der AAO verlangten. Wir sollten in der Stadt eine lukrative Ökonomie
aufbauen, obwohl wir das gar nicht nötig hatten. Die Gruppe konnte ohne
weiteres von den Einnah
men des Büchertisches leben, der täglich zwischen 200, und 500, DM Gewinn machte.
Aber die Entscheidung, eine Stadtökonomie aufzubauen, war nicht aus sachlichen
Uberlegungen heraus geschehen, sondern aus blindem Glauben an die Uberlegenheit, das "größere
Bewußtsein" der "Wiener".
Die Begründung für eine Stadtökonomie war ideologisch und hätte von uns als solche
bekämpft werden müssen Dazu waren wir damals nicht mehr in der Lage. Schon im September,
nach einigen Besuchen der "Wiener" machten wir uns auf die Suche nach einem Haus und im
November sind wir dann umgezogen.
Nachträglich erscheint es mir ungeheuerlich, wie eine Gruppe von 15 Leuten ihre
Bedürfnisse, die sie klar und eindeutig formulieren und vertreten, radikal über den Haufen schmeißen und
in ihr Gegenteil verkehren kann. Was ist das für ein Mechanismus, der uns, auch mich, dazu
brachte, nicht nur widerspruchalos, sondern freudig überzeugt Dinge zu tun, die weder unseren
Bedürfnissen, noch irgendwelchen offensichtlichen Zwängen entsprachen, die uns dazu
führten, unser Haus zu verlassen und anzufangen,wie die Bekloppten zu malochen.
Ich habe die AAPrinzipien von vornherein so interpretiert, daß sie in meinen
Erfahrungshorizont hineinpaßten. Ich glaubte, daß diese Prinzipien notwendig wären, unsere Bedürinisse optimal
zu organisieren. Ich sah in der Organisation der Mooskommune nach AAPrinzipien die
konsequente Fortsetzung meiner eigenen Entwicklung.
Ich glaubte, daß es uns darum ging ein Höchstmaß an Genuß am Leben zu erreichen und daß
wir gemeinsam unsere emotionale Krankheit, die uns daran hindert, unser Leben zu genießen,
bewältigen wollten, d. h. unsere gepanzerte Charakterstruktur zu erkennen und abzubauen, uns
zur emotionalen Gesundheit zu entwickeln. So jedenfalls wurde von uns "AA" interpretiert, und
die Schriften der AA, die Berichte der Kommunarden und unsere eigenen sehr erfreulichen
ersten Erfahrungen bestätigten das.
Gemeinschaftseigentum sah ich als selbstverständlich an für ein intensives Gruppenleben. Es
ist völlig klar, daß in einer Lebensgemeinschaft die einzelnen Mitglieder keinen
unterschiedlichen Lebensstandard haben können.
Gemeinsame Arbeit und Produktion war mir ebenso selbstverständlich. In den Jahren der
Kollektivarbeit hatte sich für mich klar herausgestellt, daß gemeinsame Arbeit überhaupt erst die Grundlage für
gemeinsames Leben ist. Ich habe es immer für unsinnig gehalten, die Arbeitszeit von der Zeit in der man lebt" abzuziehen, d.h. Arbeit"
und Freizeit" zu trennen. Deshalb hielt und halte ich es für politisch richtig, im Kapitalismus eigene Firmen zu gründen, um das
für den Lebensunterhalt notwendige Geld gemeinsam zu verdienen.
Direkte Demokratie verstanden wir als Organisationsform nach dem Deligiertenprinzip.
Jeder verwaltet einen Bereich selbständig und verantwortet seine Handlungen der Gruppe
gegenüber. Jeder ist jederzeit abwählbar, wenn er seiner Aufgabe nicht gewachaen ist und jeder kann
seinen Bereich abgeben, wenn eine Nachfolge gesichert ist. Entscheidungen, die das normale
Maß überschreiten, werden von der Gruppe gefällt.
Freie Sexualität akzeptierte ich als mögliche Alternative zur Zweierbeziehung und vor allem
zu den lockeren "freien" Beziehungen. Ich war, als ich in die Mooskommune ging, keineswegs
in der Lage, meine Sexualitat befriedigend zu organisieren. Ich hatte ein Jahr lang ohne feste
Beziehung gelebt und dann, vor der AA, ein halbes Jahr in Zweierbeziehung mit Gerlinde. Ich
sah jedenfalls starke Zusammenhänge zwischen meinem emotionalen Elend und meinen
Beziehungen zu Frauen. Ständig das gleiche Spiel: zuerst die Suche nach einem Partner, den ich
lieben
kann, dann eine verhältnismäßig kurze Zeit der gegenseitigen Offenheit, dann immer
stärker werdende Konflikte, die nicht aufgelöst werden und schließlich die schmerzhafte Trennung
und die Zeit der Trauer. Ich hatte die Schnauze gestrichen voll davon.
Selbstdarstellungen verstand ich zunächst überhaupt nicht als Therapie
oder Entpanzerungsprozeß. Oder genauer: ich unterschied zwischen Selbstdarstellungen und
Analysen (Einzelselbstdarstellungen). Das Gruppenleben in dieser Intensität bringt eine Unzahl von
Konflikten hervor, die alle in Gesprächsform kaum lösbar wären. Ich erinnere mich mit Schaudern
an die endlosen WG-, Kinderladen und Kollektivsitzungen, auf denen immer wieder die
gleichen Probleme mit gleichbleibend geringem Erfolg durchgekaut wurden, auf denen sich einige
Macker in stundenlangen Monologen ergossen und die häufig genug in emotionaler Erstarrung
endeten. Die Selbstdarstellungen waren zunächst mal großartig dazu geeignet, alle
auftretenden Probleme auf einer lockeren, emotional offenen Ebene zu erarbeiten und manchmal zu lösen.
Die Therapie, die "Analysen", nahm in der ersten Zeit keinen wichtigen Platz ein. Sie wurde in
erster Linie dann vorgenommen, wenn sich jemand emotional so weit zugemacht hatte, daß er
anders nicht mehr aus seinem Loch herauskommen konnte Und das geschah von Zeit zu Zeit
jedem. Analysen wurden zuerst nur von Uli gemacht, später trauten sich auch andere das zu. Ich
habe schnell gelernt, Analysen alleine für mich zu machen. Das hatte bei mir oft genauso viel
oder mehr Erfolg wie mit einem Helfer.
Leider hatte ich mich mit dieser Interpretation der AAPrinzipien gründlich geirrt. Der
Grundirrtum an der ganzen Sache überhaupt, ist zu glauben, man könnte ein Prinzip "einführen"
und "durchführen". Wenn Bedürfnisse vorhanden sind, werden sie sich durchsetzen. Die
Schwierigkeit besteht darin, zu beurteilen, welche Bedürinisse "vernünftig" und welche
"unvernünftig" sind und was geschehen muß, wenn jemand "unvernünftige" Bedürfnisse hat. Sie per
Prinzip abzuschaffen ist genauso irrational,wie die Gesundheit per Prinzip einzuführen. Ich halte
die AAPrinzipien,außer "freier Sexualität" als Ablehnung von Liebesbeziehungen, theoretisch
für vernünftig. Aber die Durchführung in der AAO bezeichne ich als rohe Gewalt, die zwar nicht
mit physischen Methoden angewandt wird, aber mit sozialer Diffamierung, brutaler
emotionaler Demütigung und Folter.
Aber ich will beschreiben, wie ich die einzelnen AAPrinzipien in der Praxis erlebt habe:
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