Die Hingabe an das Lebendige

Da wir als Menschen auf dieser Welt geboren sind, existieren wir in der physischen Form. Darin kann also kein Widerspruch zu Gott liegen, denn auch unsere körperliche Realität und die Existenz der physischen Welt ist Teil der göttlichen Natur. Dennoch scheinen wir etwas grundsätzlich mißzuverstehen, da wir die Rolle des Geistes und des Körpers falsch interpretieren: Wir identifizieren uns mit der physischen Existenz und vergessen, daß wir Geistwesen sind.
Das Leben in einem physischen Körper ist nicht gleichzusetzen mit der Existenz im Ego. Das Ego ist lediglich die Identifikation mit der physischen Form.

Wir sind in der Lage, diese Identifikation aufzulösen und unsere Wahrnehmung von uns selbst als Körper zu transzendieren. Dies läßt sich jedoch nicht wahrnehmen, sondern nur erkennen, indem wir über den Bereich der Wahrnehmung, über die physischen Sinne und das ans Physische gebundene Denken hinausgehen in einen Bereich der direkten gnostischen Erkenntnis. Das ist das Ziel der Lebendigen Meditation.

Aber was ist dann mit der Wahrnehmungsebene? Verschwindet sie? Verschwindet unser Körper? Was ist mit Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken und Tasten, wenn wir über die Identifikation mit dem Körper hinausgehen? Und vor allem, wie können wir mit diesen sehr starken Erfahrungen der Wahrnehmung umgehen, wenn wir uns auf den Weg gemacht haben, die Realität der geistigen Welt in uns selbst zu erkennen? Diese Fragen bekommen für jeden, der meditiert und ernsthaft an geistiger Erkenntnis arbeitet, einen wichtigen Stellenwert: Was ist meine körperliche Erfahrung und was ist die Welt?

Die Religionen geben auf diese Fragen meist Antworten, die sehr wahr und tief sind, aber leider meist auf eine asketische, körperverneinende Weltanschauung hinauslaufen. Was für fürchterliche Folgen dies für die menschliche Kultur hatte, wissen wir. Es ist ein Hauptforschungsgegenstand der Sexualökonomie Wilhelm Reichs.

Wilhelm Reich gibt auf diese Frage in den medialen Interviews eine ganz praktische Antwort, die in vollkommenem Einklang steht mit seinem wissenschaftlichen Werk: Das Lebendige in uns selbst und in der Natur können wir dadurch als göttlich, d.h. als Nicht-Ego erfahren, indem wir uns dem lebendigen Erleben hingeben. Die Hingabe an das Göttliche, an das Lebendige ist der einzige Weg, das Ego zu überwinden.

Unser Geist identifiziert sich mit dem Offensichtlichen. Er hat eine natürliche Tendenz, sich hinzugeben, und so gibt er sich der stärksten uns zur Verfügung stehenden Erfahrung hin: der Wahrnehmung physischer Realität. Daß ihm andere, von der physischen Wahrnehmung unabhängige Ebenen der Erfahrung zur Verfügung stehen, vergessen wir dabei, und so stellen wir im Kopf, d.h. im Denken, eine Idee her, die besagt, daß nichts anderes existiert. Das ist ein Irrtum.

Reichs Hauptforschungsgegenstand war die Sexualität, und hier läßt sich auch die Funktion der Hingabe am eindeutigsten nachvollziehen, denn sie ist die Erfahrung, die uns am stärksten an die physische Realität bindet. Reichs Forschungsergebnisse zeigen, daß die Erfahrung sexuellen Glücks _ die Erfahrung des Orgasmus _ direkt abhängig ist von der Hingabefähigkeit des Menschen. Eine Einschränkung dieser Hingabefähigkeit ist gleichbedeutend mit dem Verlust der lustvollen Erfahrung und erzeugt Leid. Es sind, das wissen wir aus dem Reichschen Werk, Blockierungen im Energiefluß des Organismus, die eine völlige Hingabe unmöglich machen.

Die Erfahrung von Lust und Unlust, von Freude und Leid, geschieht jedoch im Geist. Was geschieht also im Geist, wenn wir einerseits eine lustvolle, hingabevolle Erfahrung machen und andererseits, wenn der Energiefluß blockiert ist und die Hingabe unmöglich wird?

In einer liebevollen Vereinigung mit einem Partner ist _ wenn die Hingabefähigkeit nicht blockiert ist _ der Kopf zwar nicht ausgeschaltet, aber das Denken ist völlig passiv auf die Erfahrung selber konzentriert. Das Denken schweift nicht ab, es werden keine Phantasien produziert. Im Orgasmus selber kommt das Denken der Flut von Erfahrungen nicht mehr hinterher und will es auch gar nicht. »Der Kopf«, das Denken schaltet sich aus, und die Erfahrung von Lust ist unmittelbar. Aber es ist immer noch der Geist, der erfährt; es besteht eine »direkte Leitung« zwischen dem körperlichen Geschehen und der lustvollen Erfahrung im Geist _ ohne den Filter des Denkens. Niemand wird ernsthaft bestreiten wollen, daß es eine Erfahrung, eine Bewußtsein dieser intensivsten aller Lusterfahrungen gibt. Reich beschreibt in diesem Zusammenhang eine Form der «Bewußtlosigkeit«, die den Moment der völligen, unbegrenzten Energieentladung begleitet. Diese »Bewußtlosigkeit« ist jedoch keineswegs damit gleichzusetzen, was wir als »Ohnmacht« kennen. Es ist eine völlig eigene Form von geistiger Bewußtheit: es sind überhaupt keine kontrollierenden Gedanken mehr vorhanden, und die bekannten Ego-produzierten Metaphern und Interpretationen kommen völlig zum Erliegen. Die Hingabe an die körperliche, sexuelle Erfahrung im Orgasmus schaltet all diese Mechanismen aus, und es ergibt sich die für Menschen außergewöhnliche Situation, daß der Geist sich der physischen Erfahrung völlig unkontrolliert hingibt. Das ist der Zustand der Ekstase.

In der blockierten sexuellen Erfahrung ist die Situation völlig anders. Wenn die Hingabefähigkeit blockiert ist, entsteht Angst, die wir zu kontrollieren versuchen, und wir beginnen zu denken: Wir entwickeln diskursive Gedanken und schweifen ab. Wir denken an Dinge, die mit der sexuellen Vereinigung nichts zu tun haben und weichen in eine innere Realität aus, die völlig eigenständig »im Kopf« existiert, neben der physischen Erfahrung. Um die sexuelle Erregung aufrechtzuerhalten, werden dann eventuell noch Phantasien dazugeholt, d.h. wir vereinigen uns im Geiste nicht mit unserem Partner, sondern mit einer Vorstellung, die wir denken. Im Grunde genommen ist eine solche sexuelle Situation nichts anderes, als eine gemeinsame Masturbation, wobei sich jeder der beiden Partner seine eigene Pornographie im Kopf herstellt. Die Folge dieser Erfahrung ist, daß im Geist keine Befriedigung erfahren wird, sondern Frustration. Der Geist hat sich am Ego festgeklammert, und das Ego ist nicht in der Lage, mit seinen Mechanismen eine tatsächliche körperliche Befriedigung herzustellen. Tatsächlich können wir hier sehr gut feststellen, was Ego ist, nämlich die Vorstellung vom Körper: Die Identifikation mit dem Kunstkörper, den wir geistig produzieren. Das Ego ist nicht dazu in der Lage, die wirklichen lebendigen Funktionen zu ersetzen, und versucht, diese zu kontrollieren. Und das muß schiefgehen. Das Ego versteckt sich normalerweise hinter »dem Körper«, es existiert offiziell überhaupt nicht, sondern sagt: »Ich bin der Körper, dein Geist ist nicht mehr als eine Wahrnehmungs- und Denkfunktion des Körpers«. Im Orgasmus, der nur über die Hingabe zu erreichen ist, wird diese Lüge offenbar.

Ich habe hier das Beispiel der sexuellen Vereinigung gewählt, nicht um zu provozieren, sondern um zu zeigen, wie sehr Hingabe und Ego sich gegenseitig ausschließen. Das Ego will kontrollieren. Hingabe ist nichts anderes als die Eigenschaft des Geistes, sich gutmütig und voller Vertrauen dem Offensichtlichen auszuliefern, und das Ego benutzt diese Hingabefähigkeit des Geistes, um seine eigene Existenz zu sichern.

Aber Hingabe _ und somit auch Egolosigkeit _ läßt sich in allen Bereichen des Lebendigen erfahren. Jede Erfahrung, die wir direkt und unkontrolliert erleben, führt uns aus dem Ego hinaus. Meist sind es intensive, ungewöhnliche Erfahrungen wie Krankheiten, Unfälle, Schrecksituationen, die unmittelbares Erfahren ermöglichen und in denen das Ego versagt. Aber es ist genauso möglich, sich sehr alltäglichen Erfahrungen hinzugeben und die sinnliche, körperliche Erfahrung im Geiste direkt als Freude zu erleben: die Geschwindigkeit (sie muß nicht groß sein!) beim Auto- oder Bahnfahren, ein Blick in den Sternenhimmel in einer klaren Nacht, das Gefühl von Nähe mit einem einschlafenden Kind.

Im Zen-Buddhismus wird diese direkte, unmittelbare Beziehung zwischen Körpererfahrung und Geist über das Gehen geübt. In der indianischen Tradition wird dies in der Schwitzhütte erlebt. Die tanzenden Derwische erleben es, indem sie sich dem endlos drehenden Tanz hingeben.

Das Wesen der Hingabe ist, daß die Erfahrung selber nicht kontrolliert wird. Sie ist einfach. Der Körper, mit all seinen Funktionen, ist einfach. Wir können eine hingebende Erfahrung nicht »machen«, wir können einen Orgasmus nicht »machen«, wir können das glückliche Lachen eines Kindes nicht »machen«. Alles, was wir »machen« können, ist Ego.

Die Hingabe ist eine geistige Funktion. Sie ist entweder da oder nicht. Entweder ich folge meiner Empfindung geistig, ohne sie zu kontrollieren, oder ich gebe mich ihr nicht hin. Hingabe ist ein geistiger Zustand der Offenheit gegenüber einer Erfahrung. Ich kann mich einem Schmerz hingeben. Ich kann mich einem Wutanfall hingeben oder einer sexuellen Erregung. Im Zustand der ekstatischen Hingabe bin ich mir bewußt, was geschieht, ohne das Geschehen zu kontrollieren.

Das plasmatische Strömen ist nur über die Hingabe erreichbar. Hier liegt ein weiteres Idiz dafür vor, daß die Hingabe eine geistige Funktion ist, die wir auf geistigem Wege trainieren und auf physische Erfahrung anwenden können.

Die Selbstheilung des Geistes wird dadurch erreicht, daß wir uns der direkten Erfahrung der Göttlichen Quelle hingeben.


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