Den inneren Dialog ausschalten

Wir werden, wenn wir energetische Wahrnehmungsübungen machen, immer wieder feststellen, daß wir in Gedanken gefallen sind und die Energiewahrnehmung verlassen haben.

Wir achten auf ein wahrnehmbares Phänomen, das sofort verschwindet, sobald wir anfangen, in unsere gewohnten Denkmuster zu fallen. Wir haben also eine ständige Erfolgskontrolle. Entweder unser Wahrnehmungsobjekt (z.B. das innere Rauschen oder die Kreiselwellen) ist da, dann befinden wir uns in der gewünschten Meditationssituation _ oder wir gehen in unsere Gedankenmuster, dann verlieren wir die Wahrnehmung unseres Meditationsobjekts (oder die Wahrnehmung davon verblaßt deutlich.)

Die Meditation selber besteht darin, daß wir uns auf die energetische Wahrnehmung, also z.B. das innere Rauschen, einlassen.

Der Punkt, an dem wir beginnen zu denken, ist unbewußt, etwa wie das Einschlafen. Wir können nur feststellen, daß wir in Gedanken gefallen sind und die Energiewahrnehmung verlassen haben.

An dieser Stelle nehmen wir einfach die Wahrnehmung wieder auf. Wir brauchen uns nicht zu ärgern oder mit uns innerlich ins Gericht zu gehen. Wir nehmen einfach nur die Wahrnehmung wieder an dem Punkt auf, an dem wir uns gerade befinden.

Nur durch diesen bewußten Wechsel lernt unser Bewußtsein, mit dieser Funktion umzugehen. Nur so können wir lernen, zwischen Ego und der wirklichen Welt zu unterscheiden.

Was wir darüber denken, ist völlig nebensächlich, je mehr wir darüber nachdenken, desto schwieriger wird es, die Wahrnehmung stabil zu halten.

Die Übung schult unseren Geist darin, gegenüber der jeweiligen Aktivität, die wir geistig ausüben, aufmerksam zu sein. Das bedeutet: Je öfter wir uns in der Meditation schulen, desto schneller und unwillkürlicher erkennen wir, daß die Aufmerksamkeit nachgelassen und das unwillkürliche Denken wieder eingesetzt hat. Letztlich werden wir _ nach einiger Praxis, die Wochen, Monate oder auch Jahre an Übung erfordern kann _ den Punkt feststellen können, der im Augenblick noch unbewußt ist: den Beginn des diskursiven Denkens.

Die Meditationsübung besteht darin, sich des diskursiven Denkens bewußt zu werden und sich immer wieder auf die energetische Wahrnehmung einzulassen.

Je öfter wir dies tun, desto leichter wird es uns fallen, den inneren Dialog beiseite zu lassen. Wir nehmen einfach die Energie wahr und gehen auf das innere Geschwätz nicht weiter ein. Natürlich ist dies um so schwieriger, je mehr wir unter Streß stehen, Erwartungen hegen, Erfolgsdruck produzieren.

Das erste Ergebnis dieser Meditation liegt in der Erkenntnis, daß wir es nicht nötig haben, ständig einen inneren Dialog zu führen. Wir halten unsere Sicht von der Welt, unser eigenes Weltbild dadurch aufrecht, indem wir es ständig erschaffen, indem wir es denken. Wir greifen Phänomene auf, die uns begegnen, und wir haben sofort eine Meinung davon: »Das ist gut.« »Das ist schlecht.« »Der da ist blöd.« »Die da ist schön.» »Das war zu teuer.« »Das will ich haben.« »Das ist schiefgegangen...« Es sind endlose Ketten von Gedanken. Mit der Lebendigen Meditation wird dieser automatische Fluß unterbrochen. Wir beginnen, die innere Welt als das wahrzunehmen, was sie einfach ist, und wir werden diese Erkenntnis später auch auf die äußere Welt ausdehnen können.

Viele Meditationssysteme arbeiten mit hergestellten geistigen Projektionen, mit Mantras, mit Visualisierungen, mit Rezitationen und Ritualen. Nachteil dieser Praktiken ist: Dadurch, daß wir etwas geistig produzieren (eine Illusion, d.h. eine Funktion des Ego), sind wir nicht mehr für die Wahrnehmung des Eigentlichen offen, denn unser Geist kann entweder nur das Ego wahrnehmen oder die göttliche Natur, die jenseits des Ego existiert.

Indem wir uns auf das energetische Wahrnehmen einlassen, haben wir ein sehr stabiles Meditationsobjekt, das jedoch sofort verschwindet, sobald wir in unserer Aufmerksamkeit nachlassen. Es ist die perfekte Erfolgskontrolle.

Das Anhalten des inneren Dialogs ist also willentlich und durch eine Entscheidung möglich, aber nur durch die bewußte Wahrnehmung des energetischen Objekts aufrechzuerhalten. Konzepte wie »leer sein«, »Egolosigkeit erreichen«, »im Hier und Jetzt sein«, »die Natur des Geistes erkennen«, »den Erleuchtungsgeist entwickeln«, sind allesamt korrekte Beschreibungen dieses Zustands, aber diese Konzepte behindern die direkte Erkenntnis erheblich. Sie verführen einfach nur dazu, sich während der Meditation zu fragen »Bin ich nun im Hier und Jetzt?« oder »Ist das vielleicht Erleuchtung?«, und schon sind wir wieder mitten in den Konzepten des diskursiven Denkens. Lassen wir alle diese Konzepte außenfort. Je weniger wir über den Zustand der Meditation _ während der Meditation _ nachdenken, desto einfacher wird es, ihn aufrechtzuerhalten. Darüber nachdenken können wir später.

Und noch etwas: Wir sind während der Meditation keineswegs völlig ohne Gedanken. Der menschliche Geist ist sehr vielschichtig. Wir können durchaus kräftige, kurze Gedanken haben und dennoch in der Wahrnehmung der Energiefunktionen verweilen. Der große Unterschied liegt darin, daß wir, wenn wir die Aufmerksamkeit aufrechterhalten können, den Gedanken bei der Entstehung bemerken, oder daß wir ihn völlig bewußt und willentlich produzieren und konsequent beenden können _ ohne daraufhin in die Ketten des unbewußten inneren Dialogs zu fallen. Diese Gedanken sind merkwürdig präzise, scharf und kurz. Wir werden später mit ihnen arbeiten. Zunächst lassen wir sie einfach sein und geben keine Energie hinein.

Das einzige, was wir in der Meditation aktiv tun, ist, aufmerksam die Aktivität des Geistes wahrzunehmen und einzuschreiten, sobald wir die Aktivität des Ego bemerken. Solange wir das energetische Objekt stabil wahrnehmen, lassen wir den Geist einfach in Ruhe. Er sucht sich selbstregulierend seinen Weg in die Tiefe.

Wir werden nach einiger Übung feststellen, daß jede noch so belanglose Wahrnehmung ein Gedanke ist. Wir dürfen uns davon nicht irritieren lassen. Nach und nach werden wir subtilere Egos entdecken und loslassen können. Jetzt geht es erst zunächst einmal darum, das gröbste und dominierendste Ego _ das unbewußte diskursive Denken _ zu identifizieren und auszuschalten.

Meditation bedeutet nicht »ohne Gedanken« zu sein. In der Meditation sind wir uns über alle Aktivitäten des Geistes bewußt, ohne in den geistigen Prozeß selber aktiv einzugreifen.

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Copyright by Jürgen Fischer